Die Berufsschule 1921
von
Handelsschuldirektor R. Wefelmeyer
Quelle: Der Grafschafter, 16.3.1921
Was
ist die Berufsschule? Was will sie? Wir alle kennen sie unter
dem Namen "Fortbildungsschule". Viele verstehen darunter
eine Einrichtung, die man mit mehr oder weniger Widerwillen besuchen
muss, und in der Volksschulwissen mit mancherlei Drum und Dran wieder
aufgewärmt wird. Von dieser Schule spreche ich nicht. Sie war den
Schülern gleichgültig, den Meistern eine Last und den Lehrern
ein Gegenstand vergeblicher Liebesmüh. Sie gehört heute der
Vergangenheit an.
Auch von jenen Schulen spreche ich
nicht, die aus natürlicher Abneigung gegen die alte
Wiederholungsschule als Fachschule entstanden, und auch in unserer
Gegend etwa seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von
einzelnen Betrieben, Innungen usw. eingerichtet und unterhalten wurden.
Ihr Ziel blieb nicht selten darauf beschränkt, die Schüler zu
befähigen, dass sie aus dem im Unterricht Gelernten einen
unmittelbaren wirtschaftlichen und technischen Vorteil für die
Arbeit in der Werkstatt zogen, der sich womöglich für den
Meister gleich wieder in Mark und Pfennig umrechnen ließ. Die
Schulen hatten keine Bildungsideale; sie wurden dem inneren Werden des
jungen Menschen nicht gerecht. Als Ersatz für die Berufsschule
können sie nicht angesehen werden. Sie sind seit reichlich zehn
Jahren im Absterben begriffen. Aber der Gedanke, dass es erster und
womöglich einziger Zweck der Berufsschule sei, die in der
Ausbildung befindlichen jugendlichen Menschen auf einen bestimmten
Berufszweig oder gar Betrieb zu dressieren, spukt noch heute in manchen
Köpfen herum.
Ostern steht vor der Tür. Für
die Kleinen naht der erste Schultag, für die Großen der
erste Arbeitstag im Berufsleben. Die schicksalsschwere Frage: Was soll
der Junge werden? Was wollen wir aus dem Mädchen machen? ist gar
oft im Familienrate erörtert worden.
Wir haben uns längst daran
gewöhnt, den Hausfrauenberuf nicht mehr als den
selbstverständlichen und einzigen Wirkungskreis der Frau zu
betrachten. Gewaltige wirtschaftliche Umwälzungen, vor allem ein
scharf ausgeprägtes Spezialistentum, aber auch veränderte
Sitten, Anschauungen und Rechtsgrundlagen haben völlig neue
Zustände geschaffen. Es genügt nicht mehr, dass der Junge
sein Handwerk erlernt und das Mädchen die Mutter unterstützt,
bis sich ihr ein eigener Pflichtenkreis im eigenen Haushalt
erschließt. Der Kampf ums Dasein und das Verlangen nach der
Teilnahme an den Kulturgütern der Menschheit zwingt beide, sich
auf den Lebensberuf einzustellen und dafür die
höchstmögliche praktische und theoretische Ausbildung zu
erreichen.
Die Ausbildung dieser jungen Menschen
erfolgt in der Berufsschule. Ihre Grundlagen sind durch die
Reichsverfassung gegeben, welche bestimmt, dass die an die
Volksschulpflicht anschließende Fortbildungsschulpflicht bis zum
vollendeten 18. Lebensjahr dauert, und dass alle Schulen sittliche
Bildung, staatsbürgerliche Geinnung, persönliche und
berufliche Tüchtigkeit im Sinne des deutschen Volkstums und
der Völkerverständigung zu erstreben haben.
Die Ziele der Berufsschule sind nach diesen Bestimmungen und den
besonderen Zwecken, denen sie zu dienen bestimmt ist, klar gegeben:
Förderung der beruflichen Ausbildung und Mitwirkung an der
Erziehung zu tüchtigen Staatsbügern und Menschen.
Das nächste Ziel jeder beruflichen
Ausbildung muss auf die Ertüchtigug und Gesunderhaltung des
Körpers und Geistes gerichtet bleiben. Schon auf den ersten Stufen
des menschlichen Wirkens entscheiden Gesundheit und Kraft über den
Erfolg. Ein kräftiges und frisches Aussehen ist für jeden
eine gute Empfehlung. Allgemeine Gesundheits-, Körper-, Kleidungs-
und Wohnungspflege, besondere Behandlung der Berufskrankheiten, der
Schädlichkeit des Tabaks, Alkohols und Staubes stehen deshalb
neben dem Turnen, Spiel und Sport an hervorragender Stelle im Lehrplan
der Berufsschule. Sie werden unterstützt durch die
Einrichtungen der freiwilligen Jugendpflege. Sie haben
erhöhte Bedeutung gewonnen, seitdem die allgemeine Wehrpflicht
abgeschafft ist und die jungen Leute beiderlei Geschlechts nach
Einführung der achtstündien Arbeitszeit zu einer
vernünftigen Anwendung ihrer freien Zeit geführt werden
müssen.
Im Mittelpunkt des gesamten Unterrichts
steht die Berufskunde. Sie gliedert sich in die besondere Fachkunde
für die einzelnen Berufszweige, die Geschäftskunde, Lebens-
und Bürgerkunde. In der Fach- und Geschäftskunde führt
der Unterricht zum technichen Können in dem Umfange, wie es die
Ausbildung eines Lehrlings verlangt. Für die Mädchen, welche
in einem kaufmännischen oder gewerblichen Berufe tätig sind,
ist die Fachausbildung von vornerein zwiespältig: die Ausbidung
für ihre Aufgabe als spätere Hausfrau und Mutter und die
für ihren gewählten Beruf. Der Unterricht in der Berufskunde
bezweckt, das Verständnis fur den Beruf zu vertiefen, die
Schüler zu denkendem, pflichtbewußtem Arbeiten zu erziehen,
den Zusammenhang des Einzelnen und seiner Berufsarbeit mit dem
Gemeinschaftsleben in Famiie, Werkstatt, Gemeinde, Staat und Reich zum
Bewusssein zu bringen, das Werden und Wesen wichtiger Einrichtungen des
öffentlichen Lebens zu erklären. Ehrfurcht vor der
Rechtsordnung und Liebe zur Heimat und Vaterland zu pflegen und Ziele
für die freudige Mitarbeit der Schüler im Staate vor Augen zu
stellen. Nach der negativen Seite hin wendet sich das Prinzip der
Berufsschule gegen die Richtung der älteren Volksschule, die in
der Vereinigung elementarer Kenntnisse ihr Ziel sah; es wendet sich
darüber hinaus gegen die Einseitigkeit des intellektuellen
Kulturbegriffs überhaupt, der auch unsere höheren Schulen
beherrscht.
Der wahre Wert des Menschen liegt
nicht im bloßen Wissen und Können. Er ruht im Wollen, in der
lauteren, edlen Gesinnung. Die Kraft des Willens und der Liebe liegt im
Menschen tief verborgen. Sie muss geübt werden, sonst schläft
sie ein, und der Mensch wird ein Schwächling. Das Prinzip der
Persönlichkeitsbildung, der Erziehung zum Gemüt und Willen,
beherrscht deshalb auch den gesamtem Unterricht in der Berufsschule;
dies ist um so notwendiger, als die Berufsarbeit den Jugendlichen in
seiner Herzens- und Willensbildung verkümmern lässt. Jede
vielseitige Ausbildung ohne gleichzeitige Sammlung der
Seelenkräfte in einem großen, alles durchdringenden
Lebensideal muss in den Jahren, die man als die Flegeljahre zu
bezeichnen pflegt, unmittelbar zur Charakterlosigkeit, zum geistigen
Bankrott gegenüber den Elementargewalten im eigenen Inneren
führen. Je mehr die moderne Arbeitskultur und Staatsverfassung der
persönlichen Verantwortlichkeit, Initiative und Freiheit des
Einzelnen bedarf, umso notwendiger wird es, diese Freiheitskräfte
durch scharfe Gewöhnung an Zucht, Ordnung und gesittetes Betragen
vor der Entartung zu bewahren.
Wieviel Missverständnisse, soziale
und politische Kämpfe blieben unserem Volkskörper erspart, um
wieviel produktiver und intensiver würde die gesamte
Volkswirtschaft gestaltet werden können, wie müsste das
Bildungsbedürfnis unseres Volkes wachsen, welchen Zulauf
müssten Volkshochschulen und Sportvereine haben, wieviel
Einrichtungen der Armenpflege, Gefängnisse und Polizeiorgane
wären in Deutschland überflüssig, wenn alle Jugendlichen
durch die stramme Disziplin der Berufsschule gegangen wären!
Quelle:
Der Grafschafter, 16.3.1921
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