Grafschafter Schulgeschichte

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Mitteilungen über Gildehaus
von Rektor J. Wagner


Der Name

Aus der Zeit der Reformation sind keine Aufzeichnungen von Gildehaus vorhanden. Aber der Ort wird schon 1188 als Parochie Gyldehus in dem Güterverzeichnis der Grafen von Dalen genannt. Hermann Abels, der Verfasser des Buches "Die Ortsnamen des Emslandes" schreibt: "Auf die richtige Spur (der Deutung des Namens) leitet Stüve, Hochstift Osnabrück. Es handelt sich um ein "Gildehaus" oder einen "Ratsspeicher", wie man sie schon in früher Zeit in den Bauerschaften zur Aufnahme des Archidiakonus (jetzt etwa Dekant) bei seinen Reisen und überhaupt zu den Gildeversammlungen der Gemeindegenossen auch wohl zugleich als Schul- und Armenhaus hatte. Dass der Pfarrer in Gildehaus schon früh mit Archediakonats-Angelegenheiten  zu tun hatte, ist geschichtlich erwiesen. Ein Gildehaus wird 1138 aus Altenberg bei Münster genannt. In unserm Gebiet wird ein solches als Versammlungshaus der zugehörigen Landgemeinden noch 1600 bei der Pfarre Holte erwähnt".

Die Lehrer

Aus dem Protokollbuch von 1719 - 1785 erfahren wir auch die Namen der Lehrer, die in Gildehaus gewirkt haben. Dem betagten Nyhuis folgte Anfang des 18. Jahrhunderts sein Sohn Adolf, diesem 1739 sein Bruder Wermold. Im Jahre 1740 erscheint ein gewisser Grotthaus als Lehrer. Sein Nachfolger J.H.Vos starb 1783. Am 3. Juli 1783 bat die Witwe, ihren Sohn Rudolf, der in Niederkeppel schulmeisterte, anzunehmen. Dies geschah. R. Vos wirkte bis 1813 in Gildehaus. Ihn unterstützte zu Lebzeiten Geritt Zwitzers. Dieser war ursprünglich Zimmergeselle und sehr musikalisch. Er hatte sich selbst ein Klavier angefertigt und in Gildehaus tüchtige Sänger herangebildet, die durch ihre schöne und feste Stimme beim öffentlichen Gottesdienste gute Dienste leisteten. Später (1806) verzog Zwitzers nach Nordhorn, kam aber von dorther, um die hiesige Orgel zu stimmen. Dieser G. Zwitzers war der Großvater eines Töchterschuldirektors in Emden und eines Kaufmanns Zwitzers in Nordhorn. Auf Zwitzers folgte Hagen, der früher Schustergeselle gewesen war. Im Jahre 1824 wurde aus einigen Bewerbern Hermann Wieking gewählt. Er war der Sohn des Küsters Jan Wieking, der zugleich der Schule in Sieringhoek vorstand. Im Alter (1864) ordnete man ihm seinen Sohn Jan bei.

Das Schulexamen

In einem Protokollbuch vom 23. Juli 1830 wird von einem Schulexamen berichtet. Pastor Berning schreibt: "In der Schule fand das Schulexamen statt. Es wurde mit Gesang eröffnet. Dann wurde das Schreiben nachgesehen, was im allgemeinen sehr zu loben war, hauptsächlich die Schriften der Mädchen, die sich vor allem im Deutschschreiben sehr auszeichneten. Sodann wurden die Kinder im Deutsch- und Holländischlesen geprüft, wo sie auch viel Geschicklichkeit und Fortschritt zeigten. In der Geschichte der Übergabe der Augsburgischen Konfession zeigten Schüler und Schülerinnen mittelmäßige Kenntnisse, mehr wussten sie von der byblischen Geschiedenes, worin die Knaben auch einen Versuch machten, das holländische ins Deutsche zu übersetzen. Das Examen endete mit einem passenden Liede, was sehr gut gesungen wurde und zuletzt mit einer passenden Rede meines Kollegen, worin der Jugend wegen ihrer gemachten Fortschritte ein gebührendes Lob erteilt und sie zu fortgesetztem Fleiß und vor allem zu einem freundlichen, artigen Betragen ermahnt wurde. Es folgte nun die Preisverteilung, die in Bredows "Kurzer Abriss der Weltgeschichte" bestand. Die kleinen Kinder bekamen nach der bestehenden Gewohnheit ein bunt gemaltes Bild".

Middewinterspriese

In damaliger Zeit wurde sehr viel Wert auf das Schönschreiben gelegt. Etwa vier Wochen vor Weihnachten schrieb die erste Klasse sogenannte Middewinterspriese. Der Lehrer saß während der Zeit am Pult und machte den Anfang zu diesen Preisen, indem er in einem Zuge ein E und B nebst schönen Verzierungen oben an dem quergenommenen Bogen setzte, dann in Fraktur  "Es begab" darunter malte. Dieser Bogen kostete drei Pfennige und wurde von dem obersten Knaben mit roter, grüner und blauer und gelber Tinte bunt gemacht und dann an die Schreiber der Weihnachtspreise für 8 bis 12 Deute verkauft, je nachdem er schön oder weniger schön ausgefallen war. Die Schreiber schrieben nun in großer lateinischer Schrift weiter und fingen gewöhnlich mit "sich zu der Zeit" an. Von "daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging" wurde in deutscher Schrift geschrieben.

Diese Preise wurden in Gildehaus bei den ersten Bürgern herumgereicht und von den besten Kennern einer guten Schrift numeriert. Alsdann wurden sie an einem Bindfaden befestigt, in der Schule an der Wand aufgehängt, in der Reihenfolge der Nummern. Es galt für eine große Ehre, den ersten Preis zu erringen. Der Unterricht wurde in dieser Zeit nur vom Gehilfen erteilt.

Außerdem wurden ganze Bücher von vier Bogen Stärke beschrieben in großer und kleiner holländischer und deutscher Schrift. Die großen Buchstaben ließen die Schreiber weg. Diese wurden vom Lehrer in schöner Weise mit Verzierungen versehen hinzugefügt.

Die Maischule

In früheren Jahren wurde im Mai ein Schulfest, die so genannte Maischule, gefeiert. Die Schule wurde mit Maizweigen und Kronen geschmückt. Ersteres besorgten die Knaben, letzteres die Mädchen. Über das Pult wurde der Reifen eines Fasses halbmondförmig gespannt, derselbe mit Grün und Blumen geschmückt wie ein Kranz. In diesem wurde eine von Watte und buntem Band gewundene Krone angebracht und darin hing ein Spruch, der einen Glückwunsch für die Lehrer enthielt. Die Kinder erschienen am bestimmten Tage des Morgens in ihren Sonntagskleidern und brachten einen Stüber, später einen Groschen mit. Einige größere Knaben hatten sich mit einem Beil zum Hauen der Maienzweige versehen, alle aber hatten einen dicken Stock. Während des Einsammelns und Zählens des Geldes durften die Kinder schreien, johlen, mit den Füßen trampeln, mit den Stöcken auf die Tische schlagen, flöten, pfeifen und klatschen. Es war ein großer Lärm. Zwei von den größten Knaben wurden zu Hagels, Hoons und Bauers geschickt, um die Erlaubnis zum Schlagen der Maienzweige im Bentheimer Kamp einzuholen. Diese wurde immer erteilt. Nun stürmte alles nach dem Bentheimer Kamp, die großen Knaben mit dem Beil voran. Diese hieben unter Aufsicht der Lehrer die Maienzweige und die übrigen Kinder schleppten diese ins Dorf und brachten sie den Leuten mit den Worten: "Ich habe Ihnen einen Maien vor die Tür gestellt!" Dafür empfingen sie eine kleine Gabe. Gewöhnlich wurden hier und dort Zweige wieder mitgenommen, da nicht ausreichend mitgebracht werden konnte. Die Mädchen vergnügten sich in ihrer Weise oder brachten auch vereinzelt einen Maienzweig mit.

Mittags 1 Uhr versammelten sich Lehrer und Schüler wieder in der Schule, die Schüler mit einem Trinkgefäß versehen. Es wurde das eingesammelte Geld  abgeliefert, gezählt und das bestellte Bier und das Bankett geholt. Knaben holten ein Fäßchen Bier vom Posthalter Schütte, von Jan Sligtenhorst und B. Wiek (Wwe. H. Pott), welche sämtlich Bier brauten, je zwei Mädchen holten von allen Bäckern das bestellte Bankett, bestehend aus Brötchen mit Zucker, Krängeln, das sogenannte Totenbankett. Die größeren Knaben unternahmen den Ausschank des Bieres, wozu sie einen Kaffeekessel mitgebracht hatten. Die größeren Mädchen verteilten Kuchen von einem großen Präsentierteller. Anfangs ging es noch so einigermaßen mit der Ordnung, später ging alles durcheinander. Mit dem Beginn der Sedanfeier 1873 nahm die Maischule ein Ende.

Die holländische Sprache in der Schule

In früherer Zeit wurde auch in der Schule holländisch unterrichtet. Darüber schreibt J. Wieking 1902: "Von jeher geschah das Bibellesen in der holländischen Sprache. Seit auch aus dem Alten Testament Bibellesestoff genommen wird, hat es seine Schwierigkeit, holländische Bibeln mit neuem Druck zu beschaffen. Der alte Druck ist für die Kinder kaum zu lesen. Es stellte sich  nun 1902  in der ersten Woche nach Ostern heraus, dass nur wenige der in die erste Klasse aufgenommenen Kinder eine holländische Bibel besaßen. Daher stellte Lehrer J. Wieking  beim Schulvorstande den Antrag, fortan das Bibellesen in deutscher Sprache betreiben zu dürfen. Dieser Antrag wurde, wenn auch von einigen Mitgliedern mit schwerem Herzen, angenommen. Somit ist am 11. April 1902 zum letzten Mal in der ersten Klasse der Volksschule zu Gildehaus im Holländischen unterrichtet worden".

Quelle: Grafschafter Heimatkalender für das Jahr 1933 (8. Jahrgang), Seiten 54 bis 57