Abitur eines
Doppeljahrgangs
Im Frühjahr
2011 legt an Niedersachsens Gymnasien der
Doppeljahrgang die Reifeprüfung ab.
Über das Abitur im
Schuljahr 2010/11 schreibt Daniel
Klause in den
Grafschafter Nachrichten einen umfangreichen Bericht, der hier
wörtlich wiedergegeben wird .
"Sie
sind Angehörige eines ganz besonderen Jahrgangs, und sie sind
sich dessen voll bewusst. Die eine Hälfte von ihnen wird zum
letzten Mal nach 13 Jahren das Abitur ablegen. Die andere Hälfte
muss dieselben Prüfungen des niedersächsischen
Zentralabiturs bereits nach zwölf Jahren bewältigen. Die
Älteren sind die letzten Schüler, die zumindest ein Jahr
lang gemeinsam mit Haupt- und Realschülern die abgeschaffte
Orientierungsstufe besuchten. Die Jüngeren wechselten von der
Grundschule direkt ans Gymnasium.
Die GN haben sich mit
Schülern
des so genannten Doppeljahrgangs über ihre Erfahrungen
während
der Schulzeit, ihre Erwartungen und Befürchtungen an die
Abiturprüfungen und ihre Hoffnungen für die Zeit danach
unterhalten. Eine besondere Gruppe bilden dabei die aus Westfalen
stammenden Gymnasiasten in Bardel, die zwei Jahre früher als
ihre Freunde in Gronau, Ochtrup oder Epe das Abitur nach zwölf
Jahren machen.
Auch für die Lehrer
an den vier
allgemeinbildenden Gymnasien in der Grafschaft bedeutet der
Doppeljahrgang eine Herausforderung. Am größten Gymnasium
in Nordhorn sieht man den Abiturprüfungen mit gemischten
Gefühlen entgegen. Wegen der hohen Schülerzahl könnten
Räume und Aufsichtspersonal knapp werden. An allen Gymnasien
laufen daher bereits jetzt die Vorbereitungen.
Eine große
Befürchtung lautet, dass die Plätze für
Studienanfänger und die Ausbildungsplätze nicht für
alle Abiturienten ausreichen. Wie und wo man trotz der großen
Anzahl an Bewerbern seinen weiteren Berufsweg beschreiten kann,
darüber informiert die Agentur für Arbeit in einer
mehrmonatigen Kampagne.
Auch Universitäten
und
Ausbildungsbetriebe bereiten sich auf den Zeitpunkt vor, an dem die
Gymnasien den Doppeljahrgang entlassen. Sie stellen zusätzliche
Plätze für Studienanfänger und Auszubildende zur
Verfügung."
In der ersten Folge der
GN-Serie „Auf dem Weg
zum Doppelabi“ berichten Elft- und Zwölftklässler des
Lise-Meitner-Gymnasiums in Neuenhaus und Elftklässler des
Missionsgymnasiums Bardel von ihren Erfahrungen mit dem gemeinsamen
Unterricht.
Versuchskaninchen
der Schulpolitik
"Mehr
als 800 junge Männer und Frauen bereiten sich derzeit an den
vier allgemeinbildenden Gymnasien in der Grafschaft auf ihre
Abiturprüfungen im kommenden Jahr vor. Die GN haben mit einigen
Schülern des so genannten Doppeljahrgangs über ihre
Erfahrungen mit der gemeinsamen Oberstufe gesprochen. Außerdem
berichten Verantwortliche an den Gymnasien, wie sie die Schüler
auf das „Abitur der zwei
Geschwindigkeiten“ vorbereiten.
Thomas Kern
spricht von einer „besonderen pädagogischen
Verantwortung für diesen Jahrgang“. Der Oberstufenkoordinator
am Burg-Gymnasium ist überzeugt, dass auch die jüngeren
Schüler dank der Unterstützung ihrer Lehrer in der
Mittelstufe ihre Schullaufbahn erfolgreich beenden werden. Weil
Lehrpläne fehlten, hätten die Fachschaften selbst „die
Rahmenbedingungen für den Doppeljahrgang geschaffen“, so
Schulleiter Manfred Heuer.
„Wenn ich am Fenster saß und
sah, wie die älteren Schüler nach Hause gingen, während
ich noch zwei Stunden Unterricht hatte, dann habe ich sie schon
beneidet“, erinnert sich die Gitta
Küper, Elftklässlerin
am Lise-Meitner-Gymnasium in
Neuenhaus, an das achte und neunte
Schuljahr. Um auf denselben Wissensstand wie die letzten „G-9er“
zu kommen, erhielten die ersten „G-8er“ in der Mittelstufe
zusätzlichen Unterricht und kamen so auf bis zu 36 Stunden pro
Woche.
Wegen der Abhängigkeit vom Busfahrplan hat das
Missionsgymnasium Bardel
teilweise auf eine ebenso originelle wie
moderne Art der Unterrichtserteilung umstellen müssen: Beim so
genannten e-learning absolvierten die Mittelstufenschüler das
zusätzliche Lernpensum nachmittags zu Hause am eigenen PC statt
an der Schule. An den anderen Gymnasien mussten viele
Unterrichtsstunden in den Nachmittag verlagert werden.
„Am
Anfang habe ich gedacht: Oh Gott, mit denen muss ich jetzt zusammen
sein? Aber ohne Doppeljahrgang hätten wir viele ältere
Schüler gar nicht kennen gelernt“, sagt Anke Hölter,
Elftklässlerin in Neuenhaus. Wie sie empfinden die meisten den
gemeinsamen Unterricht nicht als Nachteil.
Maren Mardink
hat sich
zu Beginn der elften Klasse „gefühlt wie ein
Versuchskaninchen“. Die Elftklässlerin in Neuenhaus berichtet
von einem erheblichen Nachholbedarf in den naturwissenschaftlichen
Fächern gegenüber ihren Mitschülern aus dem
zwölften
Jahrgang. Befürchtungen, die Elftklässler könnten
schlechtere Ergebnisse erzielen als ihre älteren Mitschüler,
haben sich aber an keinem Gymnasium bestätigt.
Theresa
Geisler, Elftklässlerin in Bardel, bedauert, dass sie kein
Auslandsjahr in Südafrika machen konnte, ohne ein Schuljahr zu
wiederholen. Sie fühlt sich durch das Doppelabi unter Druck
gesetzt.
Nach Thomas Kerns
Beobachtungen haben die meisten
jüngeren Schüler den zusätzichen Lernaufwand durch die
von neun auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit in Kauf
genommen, weil sie in der Oberstufe mehr Wahlmöglichkeiten
hatten. Das ist der einmalige Vorteil, den allein der
zahlenmäßig
starke Doppeljahrgang hat: Dank der großen Schülerzahl
kamen Kurse zustande, die normalerweise nur selten unterrichtet
würden. So kann in Bad Bentheim erstmals seit Jahren Erdkunde
als Prüfungsfach angeboten werden. Das gleiche gilt für
bestimmte Fächerkombinationen aus dem künstlerisch-musischen
Profil.
Am Gymnasium Nordhorn war es nach den Worten von
Schulleiterin Monika Woltmann sogar möglich, alle
Schülerwünsche
bezüglich der gewünschten Fächer, insbesondere der
Prüfungsfächer, zu erfüllen; wenn auch nur mit
großen
Kraftanstrengungen der Lehrer wegen der Personalknappheit.
Dass
sie nicht irgendein Schülerjahrgang sind, ist den Elft- und
Zwölftklässlern bewusst. „Wir sind der Doppeljahrgang,
das ist schon etwas Besonderes“, fasst der Zwölftklässler
Maik Dulle
aus Neuenhaus die Stimmung zusammen."
(Quellen: Grafschafter
Nachrichten, 5.5.2010; Kommentar Daniel Klause: Haupt- und
Realschüler sind die Leidtragenden, 29.5.2010).
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