Grafschafter Schulgeschichte

  Zur Schulgeschichte in der Samtgemeinde Neuenhaus                                 
Die Gründung der Neuenhauser Latein- und Rektorschule 1616

von Heinrich Specht (im Jahrbuch des Heimatvereins 1932)

"Mit der Einführung der Reformation wurde auch bei uns der Landesherr Träger des Kirchenregiments. Graf Arnold richtete 1605 ein geistliches Inspektorat ein, unter deren Obhut er das gesamte Kirchen- und Schulwesen der Grafschaft stellte. Dieses wichtige Amt verwaltete als erster Conrad Vorstius, der seit 1596 erster Professor der Theologie in Burgsteinfurt und seit 1605 erster Pfarrer der dortigen Stadtkirche war. Als er 1610 einem Ruf an die Universität Leiden folgte, wurde Professor Ravensberger sein Nachfolger. Auch als dieser, schon ein Jahr später (1611), an die Universität Groningen ging, behielt er das Inspektorenamt bei. Bei den weiten und schlechten Wegen vermochte er nur selten und stets nur kurze Zeit seines wichtigen Amtes walten. Darum entschloss sich der Graf Arnold Jobst 1613 zur Errichtung einer kirchlichen Aufsichtsbehörde, des Oberkirchenrates, der das Reformwerk seines Vaters weiter ausbauen sollte.

Zu den Aufgaben des Oberkirchenrats, der für das kulturelle Leben im Grenzgebiet später so große Bedeutung gewann, gehörte auch der weitere Ausbau des Schulwesens.

In den Städten und Dörfern gab es bereits sogenannte "Teutschschulen", zu vergleichen in etwa mit unseren heutigen Volksschulen, aber es fehlte an einer genügenden Anzahl Vorbereitungsschulen für die Kinder wohlhabender Bürger und Beamten, um diese dem Gelehrtenberuf zuführen zu können.

In Bentheimer und Schüttorf bestanden seit 1613 derartige Anstalten, die man nach dem damals wichtigsten Fach Lateinschulen nannte, aber in Nordhorn und Neuenhaus bestanden sie noch nicht. In der Dinkelstadt entbehrten sie besonders die gräflichen Beamten schmerzlich und auch die Pfarrer der Niedergrafschaft, die ja nach der Einführung der Reformation heiraten durften und ihren Nachwuchs unterbringen mussten.

Es gelang dem vereinten Bemühen des Grafen und des Oberkirchenrats, die Neuenhauser Bürgervertretung für die Einrichtung einer Lateinschule willig zu machen. Nach dem Beschluß der vier damals amtierenden Bürgermeister hat Graf Arnold Jobst die Einrichtung dieser Lateinschule in Neuenhaus mit großem Eifer betrieben. Er hat die Bürgermeister der Stadt - "oftmals erinnern lassen" - zuletzt durch seine Oberkirchenräte Ravensberger und den Rechtsgelehrten Plagenstecher - er hat sie im August 1615 - "in Person angesprochen"- und sie, wenn sie in Bentheim oder sonst zu ihm kamen, zur Fassung des entscheidenden Beschlusses gedrängt.

Als Gründungsjahr muß das Jahr 1616 gelten. Zu dem Deutschlehrer trat damals der Lateinlehrer. Die neue Lateinschule sollten nur Knaben besuchen, die Mädchen hielt der Rat noch davon fern. Die Stadt gab zum Unterhalt 30 Reichstaler oder 75 Gulden her, auch der Graf scheint für dieses Unternehmen wie anderwärts in die Tasche gegriffen zu haben. Der Rat behielt sich die Verwaltung des Schulvermögens vor, auch das Recht, die Einkünfte des Lateinlehrers zu erhöhen oder herabzumildern.

Die 1616 ins Leben gerufene Schule besteht nun schon weit über 300 Jahre. Sie hieß erst Latein-, dann Rektor-, Mittel- und heute Realschule. Diese Schule wurde am 8. Mai 1867 als Privatschule durch den Lehrer Lüppe neu gegründet. Sie umfasste drei Klassen mit etwa 60 Schülern und war im Brünnemannschen Hause am Seifendamm untergebracht. Später befanden sich die Klassenräume in dem Eckhaus Marktplatz - Hauptstraße.

Die Privatschule erhielt 1874 durch eine Stiftung des Landphysikus und Bürgermeisters Dr. Köhler und des Consuls Roeshings aus Bremen ein eigenes Gebäude. Es handelt sich um die Schule hinter dem alten Rathaus. Nach der Schulchronik der ev. Volksschule war die Stiftung jedoch für diese Schule bestimmt. Erster Rektor wurde 1875 Herr Staehle.

Am 28. Oktober 1904 wurde die Privatschule in eine städtische Rektoratsschule umgewandelt. Durch Magistratsbeschluß der Stadt Neuenhaus erhielt die Schule erstmals genaue Statuten, die am 10. November 1904 von der Regierung gebilligt wurden.

Über den Standort der "Teutsch"- Volksschule wird nichts berichtet, wohl aber erwähnen alte Kirchenratsprotokolle ihren schlechten Zustand. Im Jahre 1682 erhielt daher der Zimmermann Jan Mensinck den Auftrag zum Neubau eines Schulhauses. Die Ausführung stieß wiederholt auf technische Unzulänglichkeiten, über die Fertigstellung wird nichts berichtet. Die Schulraumnot mag einige Jahrhunderte drückend gewesen sein.

Für die Volksschule wurde die Raumnot gegen Ende des 18. Jahrhunderts behoben. Kammerrat Kloppenburg und seine Ehefrau geb. Grimm ließen 1794 auf ihre Kosten ein Schulhaus bauen (Voigtstiege 3), in dem bis 1874 die Unterklasse Unterkunft fand. Der Oberklasse wurde im Rathaus ein Raum zugewiesen.

Mit dem bereits erwähnten Bau der Volksschule hinter dem Rathaus änderte sich die Lage grundlegend. In diesem Gebäude fand sowohl die Volksschule als auch die Mittelschule Unterkunft."

Quelle: Heinrich Specht, Die Gründung der Neuenhauser Latein- und Rektorschule 1616, Jahrbuch des Heimatvereins 1932