Grafschafter Schulgeschichte

Volksschule 

Georgsdorf ca. 1923

Volksschule Alte Piccardie 1952

Volksschule

Hohenkörben 1897

Ev.Volksschule 

Neuenhaus 1957

Lise-Meitner-

Gymnasium 2004

Alte Schule Lage 

1691-1830 

  Einzelbericht aus der Samtgemeinde Neuenhaus
  Jan Harm Kip

Jan Harm Kip wurde am 14. August 1911 geboren. Im Jahre 2001 feierte er seinen 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass sind unter "Profile im  "Grafschafter" eine Würdigung seines Lebenswerkes  und Aussagen von Jan Harm Kip "Über sich selbst" erschienen,die an dieser Stelle wiedergegeben werden sollen.

Jan Harm Kip zum 90. Geburtstag

"...menn wenn du sitzen bliffs, dann kumms du weär an de Messgreepe ... "

Dies dürfte ungewöhnlich sein: Eine Grafschafter Gemeinde bittet zu ihrem 350-jährigen  Gründungsjubiläum dieselbe Persönlichkeit um den Festvortrag, die schon 50 Jahre zuvor, beim 300-jährigen Jubiläum, die Festrede hielt. So geschehen im Jahre 1998 in Alte Piccardie; und der Name des Festredners ist in der Grafschaft wokl bekannt: Jan Harm Kip - Schulmann, Prediger, plattdeutscher Erzähler und Heimatforscher; in den Jahren direkt nach dem Krieg junger Lehrer in Alte Piccardie.

Ungewöhnlich ist die dankbare Erinnerung einer ganzen Gemeinde an den über ein halbes Jahrhundert hinweg unvergessenen Lehrer in schwerer Zeit; ungewöhnlich sind aber auch die Begabungen und unbeirrbaren Kräfte, die sich in diesem Leben entfalten; ein tätiges und erfülltes Leben, über das der Vortrag des jungen Lehrers anno 1948 und sein altersweises Gegenstück 50 Jahre später einen großartigen Bogen spannen.

Dieses lange Leben beginnt in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in bescheidenen Verhältnissen, auf einem kleinen Bauernhof  in Bimolten, der den Eltern und den drei Kindern nur ein einfaches und hartes Dasein gewährt. Und doch erinnert sich Jan Harm Kip  dankbar an eine glückliche Kindheit, an die fraglosen Ordnungen der bäuerlichen Arbeitsabläufe, des Kirchenjahres, des Wechsels der Jahreszeiten. Er ist noch ganz in der plattdeutschen Sprache aufgewachsen. Erst in der Schule lernt er das Hochdeutsche gründlich - gewissermaßen als erste Fremdsprache. Mit der Erweiterung des Wortschatzes wächst der Lebensraum und der Erfahrungshorizont - und umgekehrt. "Sprache und Zahlen - damit erobert man die Welt", so lautet später eine der Maximen als Lehrer. Er selbst ist das beste Beispiel dafür. Überhaupt ist sein weiterer Werdegang ein exemplarisches Stück Grafschafter Heimatgeschichte im 20. Jahrhundert: Zuerst natürlich in dem Sinne, dass er in seinem späteren beruflichen Wirken daran selbst mitgeschrieben hat, als Lehrer und Rektor an sechs Schulen quer durch die Grafschaft hindurch, von Vorwald bis Bentheim, und zuletzt dann als Schulrat für  Nordhorn und die Obergrafschaft.

Ein Stück Grafschafter Bildungsgeschichte ist er aber auch in dem Sinne, dass er selbst der erste seiner Herkunft war, dem in der Grafschaft selbst bessere Lebenschancen  durch bessere Bildungsmöglichkeiten zuteil wurden. Natürlich musste man die Begabung dafür haben. Die hatte er; lesen konnte er zum Beispiel schon, als er mit 5 1/2 Jahren in die Schule kam. Das hatte er sich selbst beigebracht, weil sein hungriger Geist Futter brauchte. Aber man muss nicht nur können, sondern auch wollen. Und Jan Harm Kip wollte: Als 1925 in Nordhorn die Aufbauschule gegründet wurde, das spätere Gymnasium, da war er buchstäblich die Nummer Eins. Als erster stand er auf der Anmeldeliste. Denn als er von der Möglichkeit erfuhr, hielt es ihn nicht länger in Bimolten, und er meldete sich selbst, noch nicht 14-jährig, dort an. Nicht sein Lehrer aus der Dorfschule. Nicht seine Eltern. Immerhin verhinderten sie  den Schritt auch nicht, sondern als sie merkten, wie groß sein Wille war, sparten sie sich sogar das erhebliche Schulgeld vom Munde ab. "Leären maggse wall; menn wenn Du sitten bliffs, dann kumms Du weär an de Messgreepe." Das war die Alternative, vor die ihn sein Vater stellte. Noch wenige Jahre zuvor wäre es ihm so ergangen wie vielen begabten jungen Menschen in der Grafschaft: Geringe Bildungsmöglichkeiten, geringe Chancen. Man blieb im angestammten Lebenskreis eines meist kleinbäuerlichen Daseins. Es sei denn, die Eltern waren in der Lage, ihr Kind auf eine höhere Schule außerhalb der Grafschaft zu schicken, nach Lingen oder Rheine zum Beispiel. Die Chance, die sich ihm mit der neugegründeten Aufbauschule in Nordhorn bot. war die entscheidnede Weichenstellung seines Lebens. Und es war nur konsequent, dass er in seiner Berufswahl dann später dem Bildungsmetier treu blieb: "Kip will Lehrer werden", stand auf dem Reifezeugnis.

Nach dem Studiumin Hannover und Dortmund schwierige Anfänge in schwierigen Zeiten: Zuerst arbeitslos; dann unverhofft die erste Stelle in Vorwald im Frühjahr 34; Unterbringung beim Bauern in der "Upkammer"; Gehalt: 150 Mark monatlich. Weitere Stationen in rascher Folge: Uelsen, Georgsdorf; und nach sechs Jahren Krieg: Alte Piccardie und Bentheim.

Und dann für anderthalb Jahrzehnte: Rektor der Mittelschule in Neuenhaus, einer Schule mit gutem Niveau und gutem Ruf, aber mit maroden äußeren Verhältnissen. Die Stadt Neuenhaus allein war überfordert, die Schule so auszustatten, dass sie den gestiegenen Ansprüchen eines Bildungsweges zur mittleren Reife genügen konnte, zumal sie in vermehrtem Maße  von Schülern aus der ganzen Niedergrafschaft besucht wurde. Jan Harm Kip  verhalf einem Schulzweckverband zum Leben, dem 26 Gemeinden aus der Niedergrafschaft, von Emlichheim bis Bimolten, angehörten und die fortan die Mittelschule trugen. Ein schönes neues Schulgebäude konnte so errichtet werden, und aus der Mittelschule Neuenhaus wurde so die Mittelschule Niedergrafschaft, zu deren zentralem Bildungsstandort die Stadt dadurch aufstieg. Nicht ironich, sondern mit Respekt nannte man die Schule im Volksmund die "Universität von Neuenhaus". Unter den Männern und Frauen, die heute in Politik, Wirtschaft und Verwaltung der Niedergrafschaft Verantwortung tragen, gibt es erstaunlich viele, die sich in dieser Schule unter Rektor Kip zu bewähren hatten.

Jan Harm Kip ist der plattdeutschen Sprache,in der er aufgewachsen ist, ein Leben lang verbunden geblieben - als aktives Mitglied des Grafschafter "Plattproaterkrings" und des "Kreenk vuur Twentsche Sproak", als Erzähler von plattdeutschen Anekdoten und anderen Prosatexten, die nach wie vor zum eisernen Bestand der beliebtesten Texte beim plattdeutschen Lesewettbewerb gehören. Aber auch bei der Erschließung alter Dokumente hat er seinen historischen und sprachlichen Sachverstand immer wieder zur Verfügung gestellt, 1996 zum Beispiel in Verbindung mit Eckhard Woide bei der Herausgabe des umfangreichen Werkes "Stads Ordonnantien/ Stadtverordnungen der Stadt Neuenhaus 1601 - 1762".

Nie hat er das Plattdeutsche als Sprachbarriere gegenüber dem Gebrauch des Hochdeutschen empfunden. Im Gegenteil: das Plattdeutsche hat ihn bereichert. Und mit dem Hochdeutschen ist er umso bewusster  und wählerischer umgegangen. Das hatte zur Folge, dass er als Lehrer besonders sensibel blieb für die Ausdrucksprobleme von Schülern, die in einer wenig sprachintensiven Umgebung aufwuchsen. Sprachförderung war ein Schwerpunkt seines Unterrichts.

Und auch als Prediger zog er Gewinn  aus der Sprachkraft des Grafschafter Platt. Zwei Kardinalfehler protestantischer Predigt blieben ihm so erspart: Die Anschaulichkeit des Platt bewahrte ihn vor blutleerer Abstraktion. Und dessen lapidare Bündigkeit vor allzu geölter Beredsamkeit. In den Andachten, mit denen er seine Neuenhauser Gemeinde auf der ersten Seite des Gemeindebriefes seit Jahrzehnten begleitet, gibt es viele Sätze, die bestehen nur aus vier oder fünf Wörtern. Aber gerade in dieser Sparsamkeit sind sie von treffender Wucht. Seine Predigtsprache ist beim Plattdeutschenin in die Schule gegangen. Und wie kein anderer war er auch dazu berufen, direkt in Plattdeutsch zu predigen, ohne daraus ein folkloristisches Amüsement werden zu lassen. Unvergessen ist seine plattdeutsche Predigt 1959 beim Niedersachsentag in Nordhorn. 1500 Menschen standen und saßen in der Alten Kirche  und hörten zu. Ein Jahr zuvor erst war er zum Ältestenprediger ernannt worden, zum ersten in der Grafschaft. Inzwischen gibt es hier längst keine Kanzel mehr, auf der er noch nicht gestanden hätte. Seinen letzten plattdeutschen Gottesdienst hielt er in Brandlecht zum Reformationsfest im vergangenen Jahr.

90 Jahre ist er nun alt. Er behaupet zwar von sich, er sei nicht mehr so gut zu Fuß wie ehedem, mit der Fietse gehe es sehr viel besser. Doch wer ihn am Sonntagmorgen aus der Fürstenstraße zum Gottesdienst schreiten sieht, ausgreifenden Schrittes, Hände auf dem Rücken, mit der unvermeidlichen Kipse die Augen beschattend, der weiß, was er von solchen Bemerkungen zu halten hat. Katharina Kip jedenfalls, die Frau an seiner Seite, muss sehen, dass sie Anschluss hält. Fast 60 Jahre gehen sie  nun Seite an Seite, zum Gottesdienst und auf allen anderen Wegen. Als junger Lehrer in Georgsdorf sah er sie zum ersten Mal, als er über die Hecke in den Nachbargarten einen raschen Blick warf. Das war der Garten von Pastor Saueressig, bei dem ein Backfisch - wie es damals noch hieß - namens Katharina Schroer aus Mühlheim zu Besuch war. Zehn Jahre war Jan Harm Kip älter als sie, aber genauso schüchtern. Dennoch: Er folgte, inzwischen schon Soldat, ihren Spuren nach Mühlheim. Kriegsheirat 1942. Seitdem teilen sie ihr Leben auf eine, wie beide ungeniert bekennen, traditionelle Weise: Er war und ist in Anspruch genommen von seinen vielfältigen Aufgaben am Schreibtisch und außer Haus, sie war und ist ihm Gefährtin, die dem Haushalt vorsteht, die fünf Kinder erzog und ihm den Rücken freihielt.So groß ist ihre Gemeinsamkeit, dass ihr Schöpfer ihnen sogar ihren Geburtstag in ein und denselben Monat gelegt hat. Deshalb gibt´s jetzt im August in der Fürstenstraße gleich zwei runde Geburtstage zu feiern.

Der "Grafschafter" gratuliert!
Quelle: Der Grafschafter, Heft 8/2001

Jan Harm Kip: Über mich selbst

(...) Heimat ist dort, wo das Elternhaus steht, wo man die Muttersprache erlernt hat, wo man aufgewachsen ist. Ein Elternhaus ist mehr als ein Haus mit Türen und Fenstern. Es hat Menschen, die dort lebten, arbeiteten, dachten, planten und glaubten. Es gibt von dort her Erfahrungen und Erlebnisse, die uns verändern und prägen und die uns die Richtung unseres Lebens zeigen. Die Welt ist unendlich, und wir wissen, wenn wir über unsere bisherigen Grenzen hinüber sehen, genauer, was es auf sich hat mit unserem Dasein in dieser Welt, mit welchen Gedanken man sich in dieses Leben hinein tastet. Oft ist es eben wirklich nur ein Tasten! Wir erleben alle ein Leben, das uns gegeben ist, das wir höchstens gestalten können. Es ist oft ein Weg durch die Dunkelheit, in der aber Licht ist, das wir suchen müssen. (...)

Wie weit kann man sich in seine Kindheit zurückerinnern? Als ich drei Jahre war, wurde meine jüngste Schwester getauft. Das war ein besonderer Aufwand; mit dem Pferdewagen ging es zur Kirche. An diesen Aufwand erinnere ich mich noch sehr genau. Ich wollte unbedingt mit und nicht bei der Nachbarsfrau zu Hause bleiben. Die feste Erinnerung beginnt eigentlich erst mit der Schulzeit. Die vorhergehenden Lebensjahre haben keine allzu starken Erinnerungsspuren hinterlassen. Die Felder, die Wege, das Gras, die Wiese, das Getreide - die gesamte Landschaft, der Himmel, die Wolken, das war mein Zuhause! Da fühlte ich mich wohl. Meine Welt war die, die ich bewusst wahrnahm. (...)

Was ein Hof, und wenn er auch klein ist, an Arbeit fordert, habe ich früh erfahren und später mitgetragen. Da mein Vater eingezogen war, war es Mutters Aufgabe, für die ganze Familie zu sorgen. Sie musste melken, Roggenbrot und Schwarzbrot kneten, das wir später beim Bäcker backen ließen. Sie musste kochen, nähen, flicken, das Vieh füttern und die Felder beackern. Ich musste ab 10 Jahren mithelfen, Stroh in die Ställe bringen, dem Pferd Häcksel in die Krippe geben, Torf und Brennholz heranholen, Eier aus den Nestern nehmen, im Winter den Kühen Wasser geben. Hilfe hatte meine Mutter inzwischen durch meinen Vetter, der 1915 aus der Schule entlassen wurde. Die Arbeit bestimmte unser Leben. (...)

Der Philosoph und Pädagoge Eduard Spanger meinte, bis zum siebenten Lebensjahre würden die Grundelemente des Lebens bestimmt. Das ist auch meine Erfahrung. Alles weitere war nur Ernte aus einer trotz allem glücklichen Jugend, für die Gott noch Wirklichkeit war und geblieben ist. Der äußere Lebensgang ist weniger wichtig. Wichtiger ist, dass sich Lebensziele bilden, Überzeugungen formen, dass ein Sinn des Lebens gesucht und gefunden wird. Jeder Mensch muss nach seiner Art denken, denn er findet auf seinem Weg immer ein Wahres, das ihm durchs Leben hilft. (...)

Ich tat nach Möglichkeit immer eins nach dem anderen; und dann immer das Schwerste zuerst! Was ich nicht konnte, tat ich nicht. Ich habe meine Grenzen gesehen.
(Zitate aus: J.H.K.:Lebenserinnerungen - aufgeschrieben mit 86 Jahren)

Quelle: Der Grafschafter, Heft 8/2001