Grafschafter Schulgeschichte

Stadtschule 

Nordhorn 1865

Volksschule 

Bakelde 1953

Burgschule

2006

Volksschule

Hestrup 1960

Gymnasium

Nordhorn 1960

Anne-Frank

Schule 1973

  Einzelbericht zum Gymnasium Nordhorn

Professor Dr. Großfeld  während der Festveranstaltung des Gymnasiums Nordhorn zum 50-jährigen Jubiläum
am 17. April 1975

Erziehung und Bildung sind auf die Zukunft gerichtet

Mit den Beziehungen früherer Schüler zu ihrer alten Schule , dem jetzigen Gymnasium Nordhorn, setzte sich während der Feierstunde  zum Jubiläum des 50-jährigen Bestehens  dieser Anstalt Professor Dr. Bernhard Großfeld in einem Festvortrag auseinander. Prof. Großfeld , der aus Bentheim stammt und die frühere Oberschule von 1944 bis 1954 besuchte, lehrt jetzt an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

In seinem Vortrag vor der Festversammlung stellte Professor Großfeld die Frage, ob er und seine damaligen Klassenkameraden  die jetzige Schule immer noch als die ihrige bezeichnen dürften. Er beschränkt sich, da er als einzelner diese Frage trotz größten Bemühens  um Objektivität nicht für alle Altersgenossen verbindlich beantworten könne, auf die Frage, ob die Schule noch heute für die Werte stehe, von denen er und seine Klassenkameraden geprägt worden seien, die aus der Erfahrung als tragfähige Basis des Lebens erkannt worden seien und von denen er wünsche, dass sie an die Kinder weitergegeben werden könnten.

Konzessionen an politische Umwelt unvermeidbar
Professor Großfeld zeigte in groben Zügen die Verhältnisse auf, in denen in der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der Nordhorner Oberschule unterrichtet worden ist. Die damaligen Lehrer hätten es trotz oft nicht geringen politischen Drucks verstanden, den damaligen Schülern eine im großen und ganzen an der überkommenen Kulturwerten orientierte Schulbildung zu vermitteln. Gewisse Konzessionen an die politische Umwelt seien zwar unvermeidbar gewesen, trotz alledem sehe er jedoch auch heute keinen Anlass, die damalige Lehrer zu verleugnen.

Problematik nicht im Wollen und Einsatz der Lehrer begründet
Gewiss stelle sich ihm seine Schulzeit heute in einigen Aspekten als problematisch dar, das liege jedoch nicht am Wollen und am Einsatz der Lehrer, sondern an allgemeinen Trends, denen sie sich nicht hätten entziehen können. Es sei gut gewesen, dass die Vitalität und der innere Kompass junger Menschen sich bilungspolitischen Versuchen gegenüber  auf die Dauer durchgesetzt hätten. Im Wortlaut führte Professor Großfeld weiter aus:
Mein Mitschüler Hartmut Mawick dichtete seinerzeit treffend:

"Schulreformen sah´n wir scheitern,
die man klug sich ausgedacht,
doch uns konnte nur erheitern,
was man in Hannover macht.
Bücher wechseln wie Moden,
wenn sie oben nicht genehm,
Änderung in Lehrmethoden,
bracht ein neues Schulsystem.
Doch eins konnt dem Kultus nicht
und keiner Macht gelingen,
uns um das inn´re Gleichgewicht
und um den Spaß zu bringen."

Sie spüren sogleich, dass dieses Gedicht von zeitloser Aktualität ist. Es waren auch noch andere Probleme, die die Schule auf ihrem Weg begleiteten, die selbst heute nicht ganz ausgestanden sind, sich zum Teil sogar verschärfen, zum Teil allerdings abschwächen.
Die Schwierigkeiten der Fahrschüler wurden wohl nicht genügend beachtet, die Ausfallquote  war daher bei ihnen hoch. Scheinbar konzentrierte sich die schuliche Intelligenz in der Stadt Nordhorn.
Der Erwartungshorizont der Lehrer wurde wohl auch nicht immer den Kindern gerecht, die aus sozial anderen häuslichen Verhältnissen kamen. Hier entsinne ich mich eines Aufsatzes über die Frage, wie man Radio hört, obgleich zumindest einer  in unserer Klasse zu Hause kein Radio besaß. Immerhin ist einzuräumen, dass das Thema bei ihm zu einer Anregung der Phantasie führte und von daher einen wichtigen pädagogischen Zweck erfüllte.

Ausbildung stark auf intellektuell-rationale Vorgänge ausgerichtet
Wesentlich aber scheint mir, dass die Ausbildung stark auf intellektuell-rationale Vorgänge ausgerichtet war, dass die in anderen Bereichen sich entfaltenden schöpferischen Kräfte vor allem im Handwerklich-Unternehmerischen und Künstlerischen nicht immer die nötige Aufmerksamkeit fanden.
Der Schüler, dem es gegeben war, über die größten Fragen das Nötige in Kürze leichthin zu sagen, hatte wohl einen gewissen Vorsprung. Die Achtung vor dem einfachen Menschen, die unseren Staat in höheren Maße tragen, als wir "Akademiker" es uns häufig eingestehen, die gerade deshalb groß sind, weil sie einfach ihre Pflicht tun, kam in der Schule nicht immer deutlich zum Ausdruck.

Ausbildungszeiten verlängert - Bildung wurde Konsumgut
Hinzu trat der in dieser Zeitzu beobachtende Trend zu einer Verlängerung der Ausbildungszeiten, wie er beispielhaft an der Einführung des 13. Schuljahres - wir gehörten zur ersten Klasse, die man nach dem Krieg damit "beglückte" - deutlch wurde. Dieser Trend hat sich an den Universitäten in ständig ausgedehnteren  Studienzeiten fortgesetzt. "Wir erleben gegenwärtig eine grenzenlose Überschätzung alles dessen, was in Hörsälen im weitesten Sinne des Wortes lehrbar ist. Das sieht sich fast so an, als ob jeder Mensch, der in der Praxis tätig ist, ausschließlich zum Dümmerwerden verurteilt sei, während man die Schulbank gar nicht lange genug drücken kann, um sich als Persönlichkeit zu entfalten" (Jürgen Eick). Bildung ist so - statt zu einer Investition in die Zukunft - selbst zum Konsumgut geworden, das für den einzelnen und den Staat sehr teuer kommt.
Äußerer Anlass für eine Besinnung auf die auftretenden Probleme ist zwar die sich verschärfende Numerus-clausus- Situation an den Universitäten. Innerer Anlass aber ist die Einsicht, dass ein zu lang hingezogener, auf Rezeption ausgerichteter, die Jugendlichen zur Passivität verurteilender Ausbildungsprozess zu Persönlichkeitsstörungen führt, zu Lebensangst und später zu beruflichen Anpassungsproblemen. Die schöpferische Phantasie, die Fähigkeit und der Mut, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen in Ungewissheit zu fällen, verkümmern zu leicht darüber. Noch mehr aber  verkümmert  die wesentliche Quelle des Glücks, nämlich das Gefühl der eigenen schöpferischen Kraft. Zuckmayer sagt zu Recht: "Die einzig dauerhafte Form irdischer Glückseligkeit liegt im Bewusstsein der Produktivität". Heute setzt sich denn auch wieder die Erkenntnis durch, "dass man das Beste im Leben erst nach der Schule lernt" (Heinrich Seidel); das Wichtigste ist eben nicht lehrbar, es kann nur selbst erfahren und dadurch erlernt werden.

Schule: Gut geführte gutbürgerliche Einheit
Die Schule stellte sich uns trotz dieser Fragen und Probleme, die ich ohne jeden Vowurf anführe und die ich auch nicht überbewertet wissen möchte, im großen und ganzen doch als gut geführte, gutbürgerliche Einheit dar; sie war geprägt von der erlebten Bejahung der Verfassung und den dort verankerten Werten und von einer christliche Tradition, die nicht nur im Religionsunterricht, sondern auch im Vorbild vieler Lehrer zum Tragen kam.
Dieser Werthintergrund tritt hervor in den Worten unseres Redners auf das Abitur 1954, meines tödlich verunglückten Klassenkameraden Berhard Wortel; er sprach davon, dass das Leben aufzubauen sei auf den von der Schule gelegten Fundamenten "zur Ehre Gottes und zum Wohle unseres Volkes und Vaterlandes". In dieselbe Richtung weist das Gedicht Bonhoeffers, mit denen der damalige Direktor Leonhardt die Abiturienta 1954 entließ:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag".

Ich glaube, dass damit die allgemeine Stimmung, wie sie Schüler und Lehrer beherrschte und miteinander verband, richtig wiedergegeben wurde. Diese vom inneren Zustand her von manchen doch als golden angesehenen Zeiten liegen wohl auch in Nordhorn hinter uns. Das Lied "Immer strebe zum Ganzen" wurde zwar auch damals gesungen, aber könnte man die oben zitierten Worte heute noch so unbefangen auf Abiturfeiern sagen? Müsste dort nicht viel mehr von Verantwortung, Mündigkeit, Selbstbestimmung, Gesellschaft die Rede sein?
In der Tat, vieles ist im Hinblick auf eine kritische Betrachtung fragwürdig geworden; eine Zeitlang schien es sogar, als ob das sogenannte "kritische Hinterfragen" die einzige ehrenwerte Beschäftigung der intellektuell nicht unterentwickelten Volksschichten sein dürfe. Dabei wurde dann vielfach übersehen, dass Kritik nicht nur einen negativen, sondern auch einen positiven Aspekt, nämlich den der Anerkennung fremder Leistung haben muss, dass die Kritik zuerst bei uns selbst und bei den engen Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit beginnen sollte. Noch wichtiger aber ist, dass bei aller Bereitschaft zum kritischen, auch die Fähigkeit zur eigenen schöpferischen Leistung nicht erlahmen darf.

Bewusstsein für Geschichte jetzt zunehmend verloren
Wir erleben heute aber auch einen zunehmenden Verlust des Geschichtsbewusstseins.  Das geht so weit, dass von einigen alle Geschichte vor 1900 als - wie es neuhochdeutsch heißt - irrelevant abgelehnt wird. So als ob wir die Welt erst in unserer Zeit neu geschaffen hätten, so als ob wir die großen geistesgeschichtlichen Traditionen des Christentums schlicht vergessen könnten.
Gerade für den Juristen - der ich bin - ist das Ausblenden der Geschichte ganz unannehmbar; ihm steht die fortwirkende Kraft des römischen Rechts über 2000 Jahre hinweg bis in unsere Zeit hinein vor Augen, ihm hat sich immer wieder die Lehre von der Wiederkehr der Rechtsfiguren bewahrheitet.
Auf ähnlicher Ebene liegt die zunehmende Ausblendung der Metaphysik. Religion wird zu einer Form der Sozialerziehung und Gott zu einer Funktion des zwischenmenschlichen Verkehrs. "Wissenschaft" und "Gesellschsft"  sind vielfach an seine Stelle getreten. Die Folge ist, dass wir das, was wir früher mit Hilfe der Theologie  und der Naturrechtslehre vom Himmel holen wollten, heute mit Hilfe der Wissenschaften aus dem Boden - sprich: aus dem Gesellschaftlichen - stampfen wollen.

Soziale Beziehungslehre ohne ethischen Maßstab
Wir gelangen so zu einer sozialen Beziehungslehre ohne vorbildlichen ethischen Maßstab. Es mag manchmal so erscheinen, als ob wir uns mit Hilfe der Wissenschaft - und heute vorzugsweise der Wissenschaft von der Gesellschaft - am eigenen Zopfe aus allern Unzulänglichkeiten unserer Existenz und unserer Erkenntnis herausziehen könnten, wo doch Erlösung allenfalls aus dem Glauben kommen kann.
Gewiss entspricht vieles bei diesen Veränderungen ganz einfach der Sehnsucht der Jugend nach neuen Grenzen und der gewandlten politischen Situation. Aber wir müssen uns heute doch auch fragen, ob wir diese zumindest in ihrem Ausmaß von uns vielfach nicht geliebte Phase der Verunsicherung nicht selbst heraufbeschworen haben.
Wir haben ständig von der Komplexität der Lebensverhältnisse geredet,wir haben die Komplizierung des Lebens durch die Technik eher als Ausdruck des Fortschritts denn als meisternde Aufgabe gesehen. Statt dessen haben wir einer Verwissenschaftlichung immer weitergehender Lebensbereiche das Wort geredet; wir wollten uns  - zum Teil wider unser inneres Wissen -  nicht dem Modetrend entziehen, der nach Wissenschaft schrie, der von der Wissenschaft letzte Erkenntnisse ja sogar innerweltliche Erlösung erhoffte. Dadurch haben wir Hoffnungen geweckt, die wir so gar nicht erfüllen können. Wir haben auch die Rolle der Phantasie, die Bedeutung der Spontaneität , die Kraft des Gefühls gegenüber der wissenschaftlich intellektuellen Betätigung zurücktreten lassen, wohl wissend, dass nach wie vor in vielen Bereichen der Satz gilt "wenn Ihr´s nicht ahnt, Ihr könnt es nicht erjagen", wohl wissend, dass zum Menschen das Geheimnis gehört.

Mangel an Mut zur Autorität
Oft haben wir es auch an Mut zur Autorität fehlen lassn, zu einer Autorität aus Sachkenntnis und aus Lebenserfahrung heraus, auf die doch der Jugentliche als Leitbild und als Reibungspunkt zur Herausbildung der eigenen Persönlichkeit einen unbedingten Anspruch hat.
Gestehen  wir jetzt mühsam erwachsen Gewordenen uns doch ein, dass trotz allen Geredes von der Komplexität des Lebens und der Pluralität der Meinungen unser Leben nach wie vor von einigen relativ einfachen Grundvorstellungen getragen wird, die uns zum Teil überkommen sind, die wir zum Teil aber auch selbst gezimmert haben.
Das Verschämte unserem eigenen Werthorizont gegenüber, das Verdecken der Sterne, die uns leiten, kann uns wohl von seiten der Jüngeren - die nicht wie wir die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben - zu Recht zum Vorwurf gemacht gemacht werden. Wir haben uns viel auf unsere Pragmatik zugute gehalten, auf unser nüchternes, praktisches Denken. Gerade dadurch konnte die Meinung auftauchen, dass unsere Interessen allein auf Verbesserung des Lebensstandards, auf Wachstum des Sozialprodukts und auf den selbstmörderischen Abbau der natürlichen Reserven gerichtet waren.
Aber wir brauchen nicht einmal so hoch anzusetzen bei Werten, die sich für eine vertiefte Diskussion vor einem großen anonymen Zuhörerkreis doch nicht eignen. Bleiben wir bei dem, was mir als Juristen näher liegt, bleiben wir bei den praktischen Tugenden der täglichen Lebensgestaltung.
Auch diese Tugenden, an denen wir uns ausrichten, die unsere Lebensführung gestalten, die unseren Lebenserfolg bestimmt und die uns "im Strom der Zeit" geformt haben, haben wir den Jüngeren gegenüber oft verleugnet.
Ich erwähne nur beispielsweise ohne Anspruch auf Vollständigkeit das Wissen um die Unzulänglichkeit der eigenen Erkenntnis, um die Abhänigkeit des einen vom anderen, um das Ethos des Dienens, um die Notwendigkeit der Toleranz. Weiter, dass die Fähigkeit zum Verzicht Basis der Unabhängigkeit ist, dass Anspruchslosigkeit Kraft bedeutet und Bereitschaft zur Ausdauer verleiht; aber auch, dass die Einhaltung bestimmter Formen einen Wert an sich verkörpert: "Denn die Form ist die Schwester der Freiheit und die geborene Feindin der Willkür". Oder, wie der französische Dichter Valery sagt: "Le doute mène à la form", der Zweifel führt zur Form.

Von Disziplin nicht mehr zu sprechen gewagt
Von Disziplin haben wir in einer auf Wachstum und Konsum getrimmten permissive society oft nicht mehr zu sprechen gewagt. Wir haben daher wohl auch dem Drang des jungen Menschen zur Beschäftigung mit den großen, den letzten Fragen manchmal zu früh stattgegeben und dabei die Lehre des berühmten deutschen Juristen Rudolf von Ihering vergessen, der sagte: "Ich könnte mir nichts Verkehrteres denken, als den akademischen Vortrag statt auf die Erlernng des einzelnen auf allgemeine Gesichtspunkte zu stellen. Es hieße, die akademische Jugend systematisch zur Oberflächlichkeit und Ungründlichkeit zu erziehen". Das Wissen um die diszipliniernde Kraft der Beschäftigung mit kleinen Dingen, um die Größe im Einfachen haben wir wohl nicht immer genügend betont.
Wir müssen gegenüber dem heute vielfach anzutreffenden Drang nach innerweltlichen Erlösungslehren herausstellen, dass uns letzte Erkenntnisse nicht gegeben sind, dass wir aber stark genug sein müssen und können, um die nicht aufzulösenden Widersprüche des Lebens in uns zum Auslösen zu bringen. Das ist es ja, was wir "Reife" nennen. Wir müssen in den Abgrund unseres Nichtwissens sehen, ohne zu zittern und ohne uns vorzumachen, dass dort kein Abgrund ist.
In dieser Begegnung mit der Wahrheit liegt zugleich der Ansatz eines Neubeginnes, nämlich einer Hoffnung und eines Glaubens, die uns über den Abgrund hinweg in weitere Dimensionen führen können,die uns zu Ausauer und Zähigkeit in demütigen Bemühen verhelfen: "Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt" (Hermann Hesse).

Werte und Tugenden auch heute zu vertreten
Diese Werte und Tugenden können wir auch heute guten Gewissens vertreten, weil wir sicher sind, dass sie überzeitliche Gültigkeit besitzen und sie Richtlinien für die Zukunft geben. Denn die Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte der Menschen haben sich trotz allen Geredes vom neuen Menschen und vom Menschenin unserer Zeit nur unwesentlich geändert; in seinen vitalen Antrieben und in seinen seelischen Nöten unterscheiet er sich nicht sehr von seinen Vorgängern.
Kommen wir jetzt zurück auf die Schule, "unsere" Schule?
Gewiss wird die Schule in Zukunft ihren Charakter ändern. Das schon deshalb, weil die berufliche Situation der Abiturienten anders ist, weil das Abitur seine Eigenschaft als automatische Hochschulzulassung verliert. Hinzu tritt eine Verschiebung in der Wertschätzung der akademischen Ausbildung, eine eher skeptische Beurteilung der zunehmenden Zahl der Akademiker, aber auch ein Wandel in der Universitätsausbildung, in der die Einheit von Forschung und Lehre sich jedenfalls  für viele nicht mehr aufrechterhalten lässt.
Ob die Schule weiterhin Träger der von mir skizzierten Werte und Tugenden sein wird, ist jedoch nicht so sehr von dieser Entwicklung abhängig, es ist das nicht eine Frage der Institution, sondern letzlich eine Frage der in ihr tätigen Menschen. Dazu ist erforderlich, dass sie Lehrer findet, die sich an den in unserer Verfassung verankerten Werten orientieren; sie werden die Schule und sich selbst bewusst als Träger eines Erziehungsauftrages verstehen müssen, den sie treuhänderisch für die Allgemeinheit vertreten.
Dazu bedarf es solcher Lehrer, die kraft Ausbildung und Persönlichkeit Autorität sein können, die den Mut und die Kraft haben, diese Autorität darzustellen, die bereit sind, auch das zu lehren, was ihre Schüler noch nicht als wesentlich erkennen.
Wichtig ist ferner, dass die Lehrer den unterschiedlichen sozialen und erzieherischen Hintergrund ihrer Schüler ernst nehmen, dass sie nicht alles über den pädagogischen und philologischen Leisten schlagen, der ja bei uns als Allgemeinbildung gilt. Das könnte  gerade den kraftvollen, knorrigen Schüler behindern.
Dass hier ein ständiges Auspendeln von Autorität und Nachgeben, von Selbstbehauptung  und Selbstkritik erforderlich ist, bedarf keiner weiteren Darstellung; denn Autorität darf nicht zum Autoritätsglauben werden, nicht zur Bevormundung und Repression führen. Dazu ist erforderlich, dass der Lehrer es vermeidet, "one of the boys" sein zu wollen, dass er Selbstständigkeit und Mut besitzt, um dem Anspruch der Schüler nach Abstand und Autorität gerecht zu werden, ohne in Hochmütigkeit und Interessenlosigkeit zu verfallen. Nur so kann er den Schülern auf dem Wege zur Persönlichkeitsbildung Hilfe sein. Sie sollen ja nicht wendige, anpassungsfähige "clevere boys" werden, sondern selbstständig denkende Persönlichkeiten, bei denen sich Einfallsreichtum mit Disziplin und schöpferscher Kraft mit zuverlässiger Beständigkeit verbinden.
Gewiss ist es richtig, dass die Verantwortlichkeit für das Lernen und Heranbilden weithin bei bei jedem einzelnen Menschen selber liegt, dass es auf das eigene Interesse, den Antrieb und die Begeisterung ankommt. Aber ein Lehrer, der anregt und fordert, der das Staunen lehrt und der Vorbild sein kann, ist eine große Hilfe; er kann manchen Anstoß geben, Steine aus dem Weg räumen und das für den jungen Menschen so wichtige, aber auch so leicht verletzliche Selbstvertrauen stärken.  Bei alledem dürfen wir unser heutiges Wissen nicht überbetonen, den Schüler darauf nicht festnageln.
Erziehung und Bildung sind auf die Zukunft gerichtet, auf die Aufgaben einer Welt von morgen, die wir allenfalls schemenhaft kennen. Es muss die Vorbereitung zur Bewältigung noch weithin unbekannter Aufgaben sein. Das verlangt Toleranz gegenüber der Zukunft.

Quelle: Grafschafter Nachrichten, 18. April 1975