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„Sie gehen alle drin, weil sie
nicht alle dringehen“
Heinz Ragnitz legt eine „Schulgeschichte
der Grafschaft Bentheim“ vor
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| von
Alois Brei |
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Als im Jahr 1968 die evangelische und die
katholische Volksschule in Laar zusammengelegt werden sollten, traten
unerwartete Schwierigkeiten auf. Nach dem Willen der katholischen
Elternschaft sollte in jedem Klassenraum ein Kreuz hängen,
während die evangelischen Eltern nur ein einziges Kreuz im
Schulgebäude angebracht haben wollten, das mit einem Wort aus der
Heiligen Schrift versehen sein sollte. In einer Abstimmung entschieden
sich Zweidrittel aller Eltern gegen das Kreuz in allen
Klassenräumen. Schließlich waren alle Eltern mit nur einem
Kreuz im Gebäude einverstanden. Mit einjähriger
Verzögerung erfolgte die Zusammenlegung.
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Diese und andere Episoden sind
in der „Schulgeschichte der Grafschaft Bentheim“ festgehalten, die der
ehemalige Schulrat Heinz Ragnitz erarbeitet hat. Er hat dazu
Heimatliteratur, Schulchroniken, Zeitungsberichte sowie mündliche
und schriftliche Aussagen aus Schulen und Institutionen
zusammengetragen. Die Darstellung soll nicht gedruckt werden, sondern
steht im Internet als Teil des Projekts „Die Grafschaft Bentheim im
Unterricht“ (www.gbiu.de) allen
Interessierten zur Verfügung.
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Neben einem Abriss der
Schulgeschichte von den Anfängen bis 1918 wird jede Schule, die es
in der Grafschaft Bentheim gibt oder gab, in ihrer Entwicklung
dargestellt. Einige wenige Lücken will der Autor noch
schließen. Außerdem werden alle Schulaufsichtsbeamten der
letzten Jahrzehnte vorgestellt und man kann Listen aller in den Jahren
1957 und 1967 an Grafschafter Schulen tätigen Lehrerinnen und
Lehrer einsehen.
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Über die Anfänge des
Schulwesens in der Grafschaft Bentheim liegen keine sicheren Kenntnisse
vor. Erstmals erwähnt wird das "Schulehalten" in den Privilegien,
die der Graf von Bentheim den Städten in der Grafschaft
gewährte. In der Zeit vor der Reformation gab es nur Schulen
in Bentheim, Schüttorf, Neuenhaus und
Nordhorn. Erst allmählich wurden in den kleineren Gemeinden
Schulen eingerichtet. Nordhorn und die übrigen Städte
versuchten diese Entwicklung zu verhindern, da die als Boten
fungierenden Schulkinder aus den Landgemeinden den Läden und
Handwerkern in den Städten manchen Auftrag brachten. Erst seit
Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden nach und nach Bauernschafts- oder
Nebenschulen. Über den Unterricht in diesen Schulen berichtet
Lehrer Ackerstaff 1872 in der Hardinger Schulchronik: "Es wurde nur
in den Wintermonaten unterrichtet und in den Sommermonaten war gar
keine Schule. Wenn ... der Herbst bzw. der Winter sich einstellte, so
wurde in der Gemeindeversammlung zur Sprache gebracht, dass wieder ein
Lehrer zu wählen sei. Die Kenntnisse bei einem Lehrer waren
genügend, wenn er ziemlich gut schreiben, in der Bibel lesen und
etwas rechnen konnte. In der Regel waren alte Schäfer zu haben,
welche mit diesen Unterrichtsgaben begabt waren. Der betreffende Bauer,
bei dem der Schäfer diente, wurde beauftragt, ihm die Lehrerstelle
für die Winterzeit anzutragen. Das Gehalt betrug durchschnittlich
25 bis 30 Gulden im Winter und Reihetisch".
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Die Königliche
Großbritannisch-Hannoversche Landdrostey ordnete 1824
Verbesserungen an. Die Schulen wurden in Haupt- oder Kirchspielschulen
und Neben- oder Bauernschaftsschulen eingeteilt. Für jede Schule
wurde ein fester Schulbezirk angeordnet. Der Unterricht sollte in
deutscher Sprache erteilt werden, wobei in der Niedergrafschaft auch
niederländisch zugelassen war. Neben Lesen, Schreiben, Rechnen und
Religion sollten auch „gemeinnützliche Kenntnisse“ vermittelt und
Anweisungen zum Singen (besonders Kirchengesang) gegeben werden. Es
wurden Bestimmungen zur Anstellung und Prüfung der Schullehrer
herausgegeben, Schulzeiten festgelegt und die Aufsicht über die
Schulen geregelt. Die Pastoren wurden als örtliche
Schulinspektoren eingesetzt, außerdem zwei Kreisschulinspektoren
angestellt. Unter anderem war der Wilsumer Pastor Visch viele Jahre
lang für die Niedergrafschaft zuständig. Die Ausbildung der
Lehrkräfte verbesserte sich z. B. durch die von August Fokke in
Neuenhaus gegründete private Lehrerbildungsanstalt, die bis zu
seinem Tode 1873 existierte. Nach dem Ende des Kaiserreiches wurde 1919
die geistliche Schulaufsicht aufgehoben.
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Die Zustände in den alten Schulen waren
aus heutiger Sicht oft haarsträubend. Die kleineren Schulen hatten
in der Regel nur einen Lehrer, der nicht selten 100 bis 130 Kinder
unterrichten musste. Die Schulwege waren weit. In der Nordhorner
Stadtschule war um 1835 der Schulraum so klein und die Anzahl der
Kinder so groß, dass sie nur dann alle Platz fanden, wenn nicht
alle zum Unterricht erschienen. Ein Spottvers machte die Runde: „Sie
gehen alle drin, weil sie nicht alle dringehen.“ In der 1830 gebauten
Schule in Wielen spendete ein offenes Herdfeuer bescheidene Wärme.
Im Halbrund um das Herdfeuer saßen die Kinder auf ungehobelten
Brettern, die auf wackelig stehenden Holzstümpfen ruhten. In der
Schule Vorwald begann im Februar 1929 der Unterricht wegen starker
Kälte erst um 9 Uhr. Die Temperatur in der Klasse ließ
sich nur bis auf + 8 ° C bringen. Die Tinte war häufig
eingefroren.
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Auch in der Grafschafter
Schulgeschichte spiegeln sich politische Verhältnisse, Krisen,
Ideologien und Umstürze. Manche Lehrer dienten in vier politischen
Systemen. Während im Kaiserreich die jährlichen
vaterländischen Sedansfeiern ausgerichtet, die Weimarer Demokratie
eher skeptisch akzeptiert wurde, ersetzte ab 1933 der „Deutsche
Gruß“ das morgendliche Gebet und die NS-Rasselehre und andere
Ausformungen nationalsozialistischer Ideologie waren zentrale
Unterrichtsgegenstände. Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches
schließlich sollten die gleichen Lehrerinnen und Lehrer Kinder zu
Bürgern in einem demokratischen Gemeinwesen erziehen.
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Doch nicht nur
politisch-ideologische Forderungen und Ausrichtungen änderten sich
häufig. Im 19. Jahrhundert und bis weit in zweite Hälfte des
20. Jahrhunderts besuchten Grafschafter Kinder überwiegend die
achtjährigen Volksschulen. Um 1830 gab es so genannte
Lateinschulen nur in Bentheim und Schüttorf, außerdem eine
privat geführte in Neuenhaus. Nordhorns erste Realschule entstand
erst 1891 (Freiherr-vom-Stein-Realschule), 1904 wurde in Neuenhaus die
Städtische Rektorschule gegründet, 1961 bzw. 1975 entstanden
Realschulen in Emlichheim und in Uelsen. Als erstes Grafschafter
Gymnasium wurde 1923 das Missionsgymnasium Bardel gegründet, 1925
folgte das Nordhorner Gymnasium, 1962 das Burggymnasium Bentheim, 1968
das Gymnasium Neuenhaus und 1975 das Gymnasium Emlichheim. Uelsen
erhielt erst 2004 eine Außenstelle des Neuenhauser Gymnasiums.
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In den 70er Jahren des 20.
Jahrhunderts wurden die bis dahin dominierenden Volksschulen
aufgelöst. Ihr Ende ging einher mit der Schließung vieler
kleiner Schulen in den Landgemeinden. Die heutige Schullandschaft der
Grafschaft ist geprägt durch wohnortnahe Grundschulen und die
häufig in Schulzentren konzentrierten Schulen der Sekundarstufe,
ergänzt durch einige Sonderschulen und die berufsbildenden Schulen
in Nordhorn. Manchen Schulformen war nur ein kurzes Dasein beschieden:
die einst hoch gelobten Orientierungsstufen sind schon wieder
verschwunden, ebenso die Kooperative Gesamtschule Neuenhaus.
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Ehemalige Schüler,
Lehrerinnen und Lehrer werden in der von Heinz Ragnitz vorgelegten
„Grafschafter Schulgeschichte“ viel über die eigene Schule
erfahren. Jede Schule kann zudem auch im Zusammenhang der regionalen
Entwicklung gesehen werden kann. Und nicht zuletzt werden Einblicke in
das Alltagsleben früherer Generationen eröffnet. Leider
werden Schulchroniken als Quelle der Schul- und Regionalgeschichte
heute kaum noch geführt.
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