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„Groß ist das gottselige Geheimnis“

Bewegendes Weihnachtskonzert der Musikschule Niedergrafschaft

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Von Gerhard Herrenbrück - Wilsum. "Ein großes Weihnachtskonzert musizierten am Sonnabend in der vollbesetzten altreformierten Kirche in Wilsum Ensembles und Solisten der Niedergrafschafter Musikschule und das Osnabrücker Kammerorchester Musica viva. Die Leitung hatte Heinz Josef Bausen. Abschließender Höhepunkt des Programms war das „Oratorio de Noël“ von Camille Saint-Saëns.

Als Bausen in den letzten Takten des Saint-Saëns-Oratoriums das Orchester noch einmal anfacht und aufglühen lässt und der Chor und die Solisten im „Tollite hostias“ die Botschaft vom kommenden Herrn in hymnischem Jubel verkünden, da – nach einem Moment der Stille und Ergriffenheit – jubelt auch das Publikum in Freude und Bewunderung. Und gibt nicht eher Ruhe, bis ihm ein Da capo gewährt wird. Und dieser Jubel gilt einem Weihnachtskonzert mit mehr als 60 Mitwirkenden, das eine liedhaft-lyrische Grundstimmung musikalisch gestaltet, die im Weihnachtsoratorium von Camille Saints-Saëns ihren Höhepunkt erreicht, die aber das Konzert bis dahin schon vorbereitet und zu einer inneren Einheit verdichtet hat: „Kündlich groß ist das gottselige Geheimnis“! Dieses Wort aus dem ersten Timotheus-Brief ist der Titel einer von Bausen für die Grafschaft entdeckten Weihnachtskantate von Johann Friedrich Agricola, die im ersten Teil des Programms erklingt.

Geheimnis des Glaubens: Gottes Gegenwart im Kind in der Krippe! Das ist mit klugen Reden nicht zu fassen. Und mit Triumphgesängen auch nicht. Sondern in Andacht, in stillem Staunen und seliger Ergriffenheit. Und musikalisch auszudrücken mit jenem innigen, lyrischen Ton des Singens und Sagens, den Bausen spätestens mit der Weihnachtskantilene des durch seine Goethevertonungen unsterblichen, aber als Kirchenmusiker vernachlässigten Johann Friedrich Reichardt zum Grundton des ganzen Konzerts macht. Entsprechend schweigt dann das Blech. Nicht aber die Orgel, die Harfe, der Streicherklang. Und erst recht nicht der Gesang.

Natürlich gelingt nicht immer alles gleichermaßen vollkommen. Die typische Anfangsnervosität fordert ihren Tribut. Der angestrebte Gesamtklang entwickelt sich gleichwohl. Und alle tragen ihren Teil dazu bei: Da ist die phänomenale Ulrike Zumbeck an der Orgel, die, ohne auch nur ein Jota ihres inspirierten Musizierens preiszugeben (ganz wunderbar am Beginn des Oratorio de Noël das pastorale Prelude „dans le style J. S. Bach“), doch zugleich auch immer das Ganze im Ohr hat und sein Rückgrat bildet. Da ist das Kammerorchester Musica viva, das einen sicheren und homogenen Orchesterklang schafft. Zwar schwächelt er zu Beginn im Sammartini-Konzert noch, aber in aufmerksamer Gefolgschaft dem Dirigenten gegenüber ist dann Agricolas Weihnachtskantate und besonders die D-Dur-Sinfonia des Londoner Bach-Sohns blitzsauber musiziert.

Zu keinerlei solistischen Extravaganzen lassen sich die Gesangssolisten hinreißen. Sondern sie sind im besten Sinne Organe eines gemeinsamen Klangkörpers, einer „Vokal-Sinfonie“. Besonders glanzvoll, auch in der Höhe: der beweglich-elegante Sopran von Sarah Bouwers. Auch der Kammerchor macht seine Sache gut. Sich zurückzunehmen und von der meist homophonen und oftmals an wenige Grundakkorde gebundenen Einfachheit der Agricola-Kantate in die ganz andere Klangwelt des Weihnachtsoratoriums von Saint-Saëns zu wechseln und beides transparent und liedhaft zu singen, das will gekonnt sein. Der Chor kann es – trotz einiger Rumpler.

Ganz prachtvoll die Einsätze des Tenors im polyphonen Gloria-Chor. Die jungen Stimmen, die er dazugewonnen hat, tun ihm hörbar gut. Und wie sehr lässt der artistische Klang der hohen Blockflöte aufhorchen, wenn man sie (trotz Anfangsnervosität) so meisterhaft zu spielen versteht wie Hannelieke Vorstermans. Und dann die Harfe. Der silbrige Reichtum ihrer Klangwelten ist in der Bibel den Engeln im Himmel vorbehalten, durch Annegret Rouw aber wird er wunderbar irdisch und gegenwärtig, bestimmt die lyrische Grundstimmung des Konzerts unüberhörbar mit. Ihr fulminanter Soloauftritt in „La Source“ von Alphonse Hasselmans, dem virtuosen Bravourstück aller Harfenisten dieser Welt, ist einer der Höhepunkte des Abends.

Der Kirchenraum der altreformierten Gemeinde in Wilsum gehört schon seit langem zum bevorzugten Aufführungsort für die kirchenmusikalischen Konzerte der Musikschule Niedergrafschaft, weil seine Architektur sich großzügig in die Breite öffnet, die Mitte betont und nicht die Länge. Das ist für die Musizierenden wie für die Zuhörer gleichermaßen günstig. Und für das Oratorio de Noël, das Camille Saint-Saëns als 23-Jähriger in nur elf Tagen und Nächten komponiert hat, war dieser Raum wie geschaffen"
(Quelle: GN, 13.12.2011)