Das Volksschulwesen der Grafschaft
Bentheim
von Schulrat Valentin
Quelle: Heimatkalender 1926 ; Seiten 49 - 51
"Es
gibt daher keine Kreise im deutschen Volksleben, denen die Bildungs-
und Erziehungsarbeit unserer Volksschule, die an ihr und in ihr zu
leistende Arbeit gleichgültig sein könnte und dürfte.
Für jeden deutschen Arbeitsgarten ist die Volksschule die
große Baumschule, in der die kleinen Stämme gerade und
wurzelecht gebildet werden, die er dereinst für seine Kultur
nötig hat".
(Herr Ministerialdirektor Paul Kaestner in "Kraft und Geist unserer
deutschen Volksschule".)
Es war am 1.April 1893,
an dem Tage, wo zu großen Aerger vieler Reisenden die
Einführung der mitteleuropäischen Zeit etliche Unordnung in
den Abfahrzeiten der preußisch-hessischen Eisenbahn anrichtete,
als ich von Lingen her zum ersten Mal den Boden der mir später so
lieb und vertraut gewordenen Grafschaft betrat. Wohl hatte ich
früher dieses und jenes von dem "Füersteenland" gehört,
was einen schreckhaft veranlagten Menschen gruseln machen konnte. Der
erste Eindruck auf den Marschfriesen war auch nicht gerade erhebend und
ermutigend: die lange Wanderung durch die endlose Lohner Heide machte
mich mächtig mürbe und verdrossen. Doch endlich tauchte
Nordhorn auf, das Ziel meiner Wallfahrt. Hier sollte ich laut
Verfügung der hohen Schulausichtsbehörde schaffen und wirken,
hier mir meine pädagogischen Sporen verdienen. Daß ich
verhältnismäßig schnell in das pädagogische
Fahrwasser einlenken konnte, daß ich vor allen Dingen auch in
kurzer Zeit Land und Leute kennen lernte, verdanke ich einem lieben
älteren Amtsgenossen, der als Sohn seiner Heideheimat innig
vertraut war mit allen ihren Schönheiten und Herbheiten, ihren
Fehlern und Tugenden. Noch kürzlich entdeckte ich seine
charakteristische Handschrift in der Schulchronik einer entlegenen
Heideschule. Ich sende ihm einen herzlichen Gruß ins schöne
Westfalenland, wo er vor vielen Jahren eine zweite Heimat fand.
Nordhorn, damals ein
kleines Ackerbürgerstädtchen mit einigen wenigen bescheidenen
Textilfabriken und einer bodenständigen Arbeiterbevölkerung,
besaß vor 32 Jahren eine vierklassige reformierte und ein
einklassige katholische Volksschule, daneben noch eine einklassige
Rektorschule. Die angrenzenden Gemeinden Frensdorf und Altendorf
erfreuten sich je einer einklassigen Volksschule. Außerdem war in
Nordhorn noch eine Privatmädchenschule für die Töchter
der Honoratioren vorhanden, die von Fräulein Schulz, einer sehr
gebildeten Dame, geleitet wurde. Das waren die
Bildungsmöglichkeiten der damaligen Kleinstadt, die bescheidenen
Ansprüchen genügten. Auf dem platten Lande ringsumher
mühten sich die Lehrer in zumeist überfüllten
einklassigen Schulen. Uebrigens waren prächtige alte Herren unter
diesen Pädagogen einer vergangenen Zeit. Häufig bin ich bei
den würdigen Amtsgenossen im bescheidenen Lehrerhause zu Gaste
gewesen und habe mich gern belehren lassen über pädagogische
Maßnahmen, über Landes Brauch und Sitte. In den
Vereinssitzungen ging es überaus gemüthlich her: Tee und
lange Pfeife waren an der Tagesordnung. Doch wurde dabei stramm und
gründlich gearbeitet, und vor den "Alten" aus Schulinspektor
Fokkes kleiner Lehrerbildungsanstalt mußten wir "Jungen" nicht
selten die Waffen strecken. Einmal im Jahre, gleich nach dem lieblichen
Fest der Pfingsten, tagte der Kreislehrerverein in des Landes
Mittelpunkt, in dem vechteumflossenen Nordhorn.
Vor einem Menschenalter
war die Grafschaft durch Heidesand und Moor völlig von der
Außenwelt abgeschlossen. "Kein Klang der aufgeregten Zeit drang
noch in diese Einsamkeit!" Kein Schienenstrang wies den Wissens- und
Weltdurstigen in die Weite - die Grafschaft blühte im Verborgenen
wie das liebliche Röslein auf der Heiden. "Tief die Welt verworren
schallt" - doch in der Grafschaft herrschte tiefster Frieden. Kein
Wunder, daß manche Segnungen der Kultur, manche Errungenschaften
der Zivilisation in der Grafschaft kaum gekannt und daher wenig
geachtet wurden - kein Wunder, wenn auf dem Gebiete des Schulwesens
zumal manches noch im Argen lag. Bau und Ausstattung der
Schulhäuser ließen manches, manchmal alles zu wünschen
übrig; die mangelhaften Lehrmittelsammlungen z. B. spotteten jeder
Beschreibung. In jener Zeit war das typische Bentheimer Schulhaus, das
auch heute noch nicht ganz ausgestorben ist, fast noch in jeder
Bauerschaft zu finden, jener "kubistische" Bau aus den 50er Jahren des
vorigen Jahrhunderts - eine verblüffend einfache architektonische
Lösung für eine ländliche Bildungsanstalt.
Manches ist in den
verflossenen 30 Jahren anders und besser geworden! Die Grafschaft ist
dem Verkehr erschlossen; die einst so hart umstrittene "Längsbahn"
hat sich siegreic durchgesetzt und wartet jetzt im Gefühl des
sicheren Besitzes großmütig auf die Queranschlüsse -
Autobusse erschließen in rasendem Thempo die übrigen Gebiete
- ja, der Fluzeugdienst zwischen Amsterdam und Bremen spielt sich hoch
oben in den Lüften über der Bentheimer Heide ab. Auch das
Schulwesen hat einen beachtenswerten Fortschritt gemacht, einen Sprung,
wie ein behäbiger Bürger oder ein biederer Landmann in den
90er Jahren es sich nicht hätte träumen lassen.
Groß-Nordhorn ist erstanden! Aus den winzigen Schulsystemen der
längst überholten Vorzeit sind umfangreiche 10-, 14- und
16klassige Anstalten erwachsen. Eine fast amerikanische Entwicklung,
verursacht durch das rasende Wachstum der einheimischen Industrie.
Insgesamt sind in der Grafschaft zur Zeit vorhanden an reformierten
Schulen: Eine Halbtagsschule, 28 einklassige, 7 zweiklassige, 10
dreiklassige, 6 vierklassige, 1 sechsklassige, 1 siebenklassige, 2
vierzehnklassige und 1 sechszehnklassige - insgesamt 57 Schulen mit
5.577 Kindern, 126 Lehrern und 17 Lehrerinnen (darunter 4 technische).
In Schüttorf und Nordhorn sind für die praktische Ausbildung
der älteren Schulmädchen neuzeitliche Schulküchen
eingerichtet; in Schüttorf werden demnächst eine Turnhalle,
ein großer Sport- und Spielplatz sowie ein Schulbrausebad
angelegt, Einrichtungen, die der Gesundung und Ertüchtugung der
Jugend dienen sollen. Zu den reformierten kommen noch zwölf
katholische Volksschulen, vier Mittelschulen und - die so
heißumkänpfte und sehnlichst erhoffte Aufbauschule in
Nordhorn. In ihr hat der Kreis Bentheim endlich seine höhere
Schule bekommen. Mit der Aufbauschule werden neue
Bildungsmöglichkeiten für die Sohne und Töchter des
Grenzlandes geschaffen, die, wenn sie nicht geistig verkümmern
wollten, ehedem auf fremden Bildungsanstalten sich ihr geistiges
Rüstzeug fürs Leben schmieden mußten. Möge die
junge Anstalt wachsen, blühen und gedeihen, möchten doch aus
ihr Ströme des Segens quellen, das ganze Land befruchtend und
belebend! -
So ist manches geschehen,
manches gebessert, vieles gepflegt und vervollkommnet, doch bleibt
naturgemäß manches zu tun übrig. Insbesondere muß
in jenen Schulverbänden, in denen neue Lehrerstellen eingerichtet
wurden, obwohl die Klassenräume noch fehlten, in der
allernächsten Zukunft an den Bau der notwendigen
Unterrichtsräume herangegangen werden, wie es in Brandlecht,
Bakelde, Georgsdorf und Balderhaarmoor bereits geschehen ist. Ferner
müßte im Interesse der körperlichen Ertüchtigung
der Grafschafter Jugend mehr als bisher die Anlage von ausreichenden
Spielplätzen und von brauchbaren Bade- und
Schwinngelegenheiten ins Auge gefaßt werden, welche letztere sich
an manchen Orten ohne große Kosten und Mühe schaffen lassen.
Daß ein reges
pädagogisches Streben die Grafschafter Lehrerschaft beseelt, zeigt
das rührige Vereinsleben, hat vor allen Dingen auch die
Pädagogische Woche vom 27. bis 29. Mai 1925 bewiesen, die der
Erörterung von Landschulfragen diente und aus allen Teilen des
Kreises besucht war und allen Teilnehmern großen Gewinn brachte.
Solche Tagungen sind Quellen der Kraft und der Arbeitsfreude, sie
bewahren vor allem den Lehrer, der fern von der Kultur an den
äußersten Grenzen des Landes seines Amtes waltet, vor
Erstarrung und Versteinerung und geben seinem Wirken neuen An- und
Auftrieb.
Ich bin gewiß, dem
verständnisvollen Zusammenarbeiten aller beteiligten Kreise, der
politischen sowohl wie der Schulbehörde, der Medizinalverwaltung,
der Schuldeputationen und Schulvorstände und nicht zuletzt der
Eltern- und Lehrerschaft, wird es gelingen, das Volksschulwesen der
Grafschaft zu einer gesunden und lebenskräftigen Baumschule zu
gestalten, die ihre wohlgebildeten und wurelechten Stämmlein in
den großen deutschen Arbeitgarten liefert zum Aufbau und
Neubau unseres geliebten deutschen Vaterlandes.
Das walte Gott!
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