Die Grafschafter Schule in alter
Zeit
von
Th. Windus, Wietmarschen
Quelle:
Der Grafschafter, 17. Januar 1921
Bereis Plinius sagt in
seinem
4. Buche: "Warum habt ihr keine Lehrer hier? Es sollte euch
Väter äußerst angelegen sein , eure Söhne
unterrichten zu lassen. Ich bin bereit, das Drittel der Summe zu
bezahlen, die ihr zur Gründung einer Lehranstalt ansetzen
werdet. ... Ich befürchte, dass, wenn ich mehr zahle, eure
Vorsicht bei der Wahl der Lehrer beeinträchtigt werden
könnte." Im 10. Jahrhundert ist es Scheffel, der mehrfach in
seinem "Ekkehard" vom Schulunterricht spricht. So steht ´Retper`
vor uns, der erprobte Lehrmeister an der Klosterschule von St. Gallen,
er, von dem es heißt: immer unwillig fuhr er auf, wenn ihn das
Kapitelglöckchen von seinen Geschichtsbüchern abrief. Einst
holte dieser aus seinem Holzverschlage eine mächtige Rute hervor,
denn "die Bewegung in den Bänken ward stärker , es summte und
brummte wie ferne Sturmglocken, zur Übersetzung kam´s nicht
mehr ...". An anderer Stelle lesen wir: "Sitzt der Bub jeden Tag acht
Stunden hinter seinen Eselshäuten. ..." War es da zu verwundern,
wenn den jungen Klosterschülern, die fein säuberlich jene
Pergamentblätter zu beschreiben hatten, deren Linien punktiert
waren, damit die Buchstaben gerade und eben darauf zu stehen kamen, bei
einem Unterricht von acht Stunden die Lust verging? Jakob Wimpheling,
der große Lehrer und Erzieher Deutschlands, berichtet im Jahre
1496: "Die Grundbedingung eines tadellosen Lebens, die Zierde
eines jeden Standes, die echte Grundlage der Religion, der sichere Sieg
über das Sittenverderbnis und die Leidenschaft, alles dies beruht
auf einer guten Erziehung." Ein Jahr später stimmt er in seinen
Schriften mit dem überein, was schon der Kirchenlehrer
Augustinus gepredigt hatte: "Der Lehrer soll unablässig
seinen Schülern das Gute und Schöne vorhalten, Tugend loben,
Laster aber brandmarken; denn Johannes Chrysostomus lehrt schon,
dass die müßige und schlecht erzogene Jugend verderblicher
ist als die wildesten Tiere.
Der Chronist, Mönch J.B.S. vom
Kloster Marienrode (Wietmarschen) berichtet, dass der Abt Albrecht von
Merseld (um das Jahr 1500) und seine Nachfolger: Henricus Farwik
und Bernadus Smysynk (1540 bis 1550) "freywillig nach erledigen der
kinderndienste in Gottesforcht die kinder erzog". Hermannus J.
Jüdeselt-Yodenecht, der mit Glücksgütern reich gesegnet
war, beschenkte oftmals diejenigen Kinder der Bauern, Heuerleute und
Arbeiter, die am Unterricht regelmäßig teilnahmen.
Äbtissin van Münster, eine Zeitgenossin der Stiftsdame
Marg. Benedicta Droste vom Hause Hülshoff (1675 bis 1679 in
Wietmarschen) setzte ihre Ehre darin, die Kinder der Gemeinde "for
Godslohn" (d.h. umsonst) zu belehren.
Während dieser Zeit schreibt ein
Pastor im Februar 1676: " .... ich auf halben Theil meines geldes den
Armen vertestamentirt, jedoch für rathsam halte, dass das
vermachte Gut auf eine Schulmeisterey veränderd und verwended
werde. Auch die Kinder der armen bey denen das geld fehlet, in
christlicher Lehr undt in schreiben undt lesen sollen belehret werden."
An einer anderen Stelle befindet sich der Satz: "... so die
vermögen, die sollen es (d.h. Schulgeld) geben, so es aber nich
könen soll der Schullehrer um Godts willen lehren." (30.9.1683)
Nachdem man nun in den Jahren 1750 etwa,
auch auf dem Lande, die Gründung einer Schule allgemein als eine
Wohltat für die Familie erkannt und besondere Lehrkräfte
angestellt hatte, kamen 1763 Verordnungen für ganz Preußen
heraus. Diese sprechen von vernünftiger und zugleich christlicher
Bildung, von Gottesfurcht und Gewinnung nützlicher Kenntnisse. Die
Lehrerpersonen sollen von tiefer Frömmigkeit beseelt sein. Durch
ihre
Aufopferung und durch das gute Beispiel möchten sie ihre
Schüler schon hinieden glücklich machen.
Sollte nun ein Lehrer an diese here
Aufgabe mit Lust und Liebe herantreten, so hätte man doch mit Fug
und Recht erwarten müssen, dass auch in pekuniärer Hinsicht
gesorgt worden wäre. Das war aber leider nicht der Fall. Über
diese trauigen Verhältnisse in der Grafschaft habe ich bereits
eine Abhandlung verfasst ("Sigismund Melchers, der Schulmeister"). Wie
stand es dann damit in anderen Gegenden?
Vor mir liegen Akten, die besagen, dass
in einem gewissen Bezirk der Lehrer für jedes Schulkind 10
Schillinge auf das Schuljahr erhielt. Von der Stadt erhielt er dann
noch 30 Schillinge für jedes Vierteljahr und zwei Klafter Holz
für Heizung des Schulzimmers. Ein anderer Bericht erzählt:
"Sofern der Schulmeister das Bürgerrecht erlangte, musste er den
Befehlen der Stadtobrikeit gehorchen. Er bekam freie Wohnung, Heizung
und Beleuchtung. Nebeneinkünfte waren: Schulgeld und Besoldung bei
Ausübung kirchliche Funktionen".
Das Gehalt eines Lehrers war also
allenthalben unzureichend. Dabei gingen aber von Zeit zu Zeit neue
Verfügungen durchs Land, die immer größere
Ansprüche stellten. "Unsere väterliche Obsorge für das
beständige Wohlergehen Unserer Unterthanen lenkt Unser Augenmerk
besonders darauf, dass die Schulmeistereyen nur mit tüchtigen
Lehrern besetzt seyn sollen usw." Das Schriftstück fährt
dann fort: "Gemeinden, so bis dato ihre Lehrer selbst ernannt
haben, lassen wir das Recht, aber unter der Bedingung, dass die
Bewerber um Lehrstellen ein Fähigkeitszeugniss von Unserer hohen
Behörde aufzuweisen vermögen. Drei an der Zahl dürfen
die Gemeinden aus den Bewerbern aussuchen, während Unsererseits
derjenige bestätigt werden wird, der nach Prüfung als der
fähigste sich wird erweisen.
Etwa ein halbes Jahrhundert später,
nämlich im Jahre 1810, gibt uns der Bürgermeister Lagemann in
Wietmarschen bei seinem interessanten Bericht "aus der
Munizipalität Wietmarschen, Arrondissement Lingen, Departement der
Ems" über die Lage auf dem Gebiete des Schulwesens diese
Schilderung: "Bei der Aerndtezeit pflegt der Landmann seine Kinder zu
Hause zu halten. In der Commune Bokold wird im Sommer nichts auf
Schulhalten gerechnet, und Winterschulen bey einem Schul-Unterricht,
wie er dermalen ist, läßt nicht viel versprechen. Schreiben
ist wohl außer Religions-Lehre der Hauptgegenstand, Rechenkunst
oder sachliche Abhandlung über Naturkunde kennt man kaum dem Namen
nach. Und man kann auch von den dermaligen Schullehrern mit den wenigen
Emulomenten, die selbe genießen, nicht viel mehr erwarten. Ein
guter Schullehrer verlangt mit Recht, gute Besoldung und mehr Achtung,
als er würklich bey den wenigen genießt".
So kam es, dass das Schulwesen in der
Grafschaft Bentheim lange, lange Zeit darnieder lag, bis man endlich
erkannte, dass unsere Schulen eine Pflanzstätte für Staat und
Kirche bedeuteten!
Quelle: Der
Grafschafter, 17.1.1921
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