Welche
Schulstruktur benötigt Niedersachsen?
Von Landrat Bernhard Reuter, Vorsitzender des
Niedersächsischen Landkreistages
Während im Plenum und in den Fluren des Landtages über
Bildungspolitik im Allgemeinen und die Schulstruktur im Besonderen viel
debattiert, aber wenig entschieden wird, verändern sich die
Rahmenbedingungen für Schule draußen im Land in rasantem
Tempo:
- Fast überall sinken die
Schülerzahlen, in manchen Regionen massiv um absehbar bis zu 40%.
- Nicht nur in den Großstädten, auch
in großen Teilen des ländlichen Raumes wird die Hauptschule
kaum noch nachgefragt: an zahlreichen Standorten entscheiden sich
weniger als 10% der Fünftklässler für diese Schulform.
- Die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen
steigt in vielen Kreisen und Städten; Schulen ohne gymnasiale
Perspektive werden von vielen Eltern auch dann nicht mehr akzeptiert,
wenn der Leistungsstand ihres Kindes nach Klasse 4 das Abitur nicht
unbedingt erwarten lässt.
- Die Nachfrage nach gut ausbildeten
Arbeitskräften steigt, die nach gering Qualifizierten sinkt
dramatisch. Vor dem Hintergrund steigender Zahlen von Renteneintritten
und sinkender Schulabgängerzahlen droht vielen Regionen ein
massiver Fachkräftemangel - spätestens nach Ende der
gegenwärtigen Wirtschaftskrise.
Viele
Schulstandorte sind massiv gefährdet
Viele
Schulstandorte, vor allem in den ländlichen Räumen, in den
demografisch rückläufigen und überalterten Regionen,
sind massiv gefährdet, weite Schulwege drohen; besonders weit
ausgerechnet für die Hauptschüler.
Die
Landesregierung reagiert mit leichten Korrekturen. Mit verstärkter
beruflicher Orientierung soll versucht werden die Hauptschulen zu
stabilisieren. Ob dieser erneute Rettungsversuch – anders als eine
Vielzahl vorhergehender – gelingen wird, erscheint zu mindestens
fraglich. Außerdem soll die Zusammenarbeit von Hauptschulen und
Realschulen verbessert werden. Dies ist als Schritt in die richtige
Richtung zu begrüßen. Er genügt aber nicht. Um
ländliche und demografisch rückläufige Haupt- und
Realschulstandorte zu sichern, ist die Möglichkeit der vollen
Integration zwingend notwendig.
In
vielen Kommunen werden aber auch integrierte Haupt- und Realschulen
nicht ausreichend sein, um aus dem Dilemma von sinkenden
Schülerzahlen und verändertem Schulformwahlverhalten heraus
zu kommen. Wenn immer mehr Eltern für ihre Kinder einerseits eine
realistische Perspektive für einen hochwertigen Schulabschluss
wünschen, andererseits aber das Gymnasium nicht die passende
Schulform ist, dann kann die Gesamtschule möglicherweise die
richtige Antwort sein und zwar auch für Schulstandorte, die eine
Fünfzügigkeit nicht hergeben.
Die
Gesamtschule kann die richtige Antwort sein
Niedersachsen
ist ein Flächenland mit großer regionaler Vielfalt. Was in
der Stadt Hannover richtig ist, muss in Südoldenburg nicht ebenso
richtig sein. Was im Emsland funktioniert, funktioniert nicht unbedingt
auch im Harz. Wenn in Teilen des Landes Hauptschulen (noch) erfolgreich
arbeiten können, warum soll es sie nicht weiter geben? Wenn in
anderen Regionen weder Hauptschulen noch Realschulen breite Zustimmung
erfahren, warum sollen nicht Gesamtschulen an ihre Stelle treten
können?
Niemand
weiß besser als die kommunalen Schulträger, welches
schulische Angebot eine Region, ein Landkreis, eine Stadt
benötigt, abgestimmt auf die Bildungsbedürfnisse der Familien
und abgestimmt auf den Qualifikationsbedarf der regionalen Wirtschaft.
Niemand ist zu Vor-Ort-Entscheidungen besser demokratisch legitimiert,
als die gewählten Räte und Kreistage. Deshalb fordert der
Niedersächsische Landkreistag als der Spitzenverband der
Landkreise, die Träger der Mehrzahl der weiterführenden
Schulen sind, parteiübergreifend durch einstimmige
Gremienbeschlüsse:
- die volle Integration von Haupt- und
Realschulen zu ermöglichen
- auch vierzügige Gesamtschulen zu
genehmigen,
- insgesamt mehr Handlungsspielräume
für die Kommunen zuzulassen.
Den
30jährigen Bildungskrieg beenden
Die
Landesregierung hat in den letzten Jahren häufig Mut bewiesen,
Entscheidungen auf die Kommunen zu übertragen und damit z.B. bei
der Umsetzung des Konjunkturpaketes oder in der Arbeitsmarktpolitik mit
den kommunalen Jobcentern bemerkenswerte Erfolge erreicht. Warum sie
sich ausgerechnet in der Schulpolitik, über deren Erfolg letztlich
die Akteure vor Ort entscheiden, so schwer damit tut, ist kaum zu
erklären.
Die
mit fast konfessioneller Inbrunst betriebene Auseinandersetzung
über ein integratives oder gegliedertes Schulsystem interessiert
außerhalb der ideologischen Schützengräben nur noch
wenige, der Landkreistag beteiligt sich jedenfalls an dieser Diskussion
nicht. Der 30jährige Bildungskrieg sollte unter dem
ökonomischen, fiskalischen und demografischen
Veränderungsdruck schnellstmöglich beendet werden und einem
allgemeinen Schulfrieden Platz machen, der die Verantwortlichen vor Ort
über die zu ihrer Region passende Schulstruktur entscheiden
lässt.
Noch
zögert die Landesregierung die erforderlichen Konsequenzen aus dem
gesellschaftlichen Wandel zu ziehen. Noch glaubt man, der Staat
könne die Schulstruktur bis in jeden Landkreis und jede Gemeinde
hin steuern. Noch.
(Quelle:
Vorabdruck aus
EuW 04/ 2010: Landkreistag fordert mehr Handlungsspielraum)
Zur Person:
Bernhard
Reuter (55), Diplom-Jurist, war nach Studium der Rechts- und
Sozialwissenschaften sowie der Pädagogik an der Universität
Göttingen Lehrer und Schulleiter, bevor er 1999 zum hauptamtlichen
Landrat des Landkreises Osterode am Harz gewählt wurde. Reuter ist zudem
Vorsitzender des Niedersächsischen Landkreistages und
Vizepräsident des Deutschen Landkreistages.
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