Zum Schulsystem in Niedersachsen
Gliederung:
1. Schulsystem in Niedersachsen
2. Welche Schulstruktur
benötigt
Niedersachsen? von
Bernhard Reuter, Nds.
Landkreistag
3. Hochbegabtenförderung
in Niedersachsen und in der Grafschaft Bentheim
4. Abi-Quoten
in Niedersachsen
(Schuljahr 2008/09)
1. Schulsystem in Niedersachsen
Die schwarz-gelbe
Koalition hält am dreigliedrigen
Schulsystem sowie wenigen
Integrierten Gesamtschulen fest. Das Verbot zur Eröffnung
neuer Gesamtschulen wurde im August 2008 zwar aufgehoben, diese
dürfen nach dem Schulgesetz nur entstehen, "wenn der Besuch von
Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien im Gebiet des Landkreises oder
der kreisfreien Stadt unter zumutbaren Bedingungen möglich
bleibt". Alle Gesamtschulen
müssen mindestens fünfzügig geführt werden. Das Abitur wird - wie an Gymnasien -
nach zwölf Jahren vergeben.
Der Anteil der Gymnasiasten in
den 8.
Klassen (ohne Förderschulen) betrug 2008 37 %.
Quelle: FAZ,
15.12.2009
2.Welche
Schulstruktur benötigt
Niedersachsen?
Von Landrat Bernhard Reuter, Vorsitzender des
Niedersächsischen Landkreistages
Während
im Plenum und in den Fluren des Landtages über
Bildungspolitik im Allgemeinen und die Schulstruktur im Besonderen viel
debattiert, aber wenig entschieden wird, verändern sich die
Rahmenbedingungen für Schule draußen im Land in rasantem
Tempo:
- Fast überall sinken die
Schülerzahlen, in manchen Regionen massiv um absehbar bis zu 40%.
- Nicht nur in den Großstädten, auch
in großen Teilen des ländlichen Raumes wird die Hauptschule
kaum noch nachgefragt: an zahlreichen Standorten entscheiden sich
weniger als 10% der Fünftklässler für diese Schulform.
- Die Nachfrage nach Gesamtschulplätzen
steigt in vielen Kreisen und Städten; Schulen ohne gymnasiale
Perspektive werden von vielen Eltern auch dann nicht mehr akzeptiert,
wenn der Leistungsstand ihres Kindes nach Klasse 4 das Abitur nicht
unbedingt erwarten lässt.
- Die Nachfrage nach gut ausbildeten
Arbeitskräften steigt, die nach gering Qualifizierten sinkt
dramatisch. Vor dem Hintergrund steigender Zahlen von Renteneintritten
und sinkender Schulabgängerzahlen droht vielen Regionen ein
massiver Fachkräftemangel - spätestens nach Ende der
gegenwärtigen Wirtschaftskrise.
Viele
Schulstandorte sind massiv gefährdet
Viele
Schulstandorte, vor allem in den ländlichen Räumen, in den
demografisch rückläufigen und überalterten Regionen,
sind massiv gefährdet, weite Schulwege drohen; besonders weit
ausgerechnet für die Hauptschüler.
Die
Landesregierung reagiert mit leichten Korrekturen. Mit verstärkter
beruflicher Orientierung soll versucht werden die Hauptschulen zu
stabilisieren. Ob dieser erneute Rettungsversuch – anders als eine
Vielzahl vorhergehender – gelingen wird, erscheint zu mindestens
fraglich. Außerdem soll die Zusammenarbeit von Hauptschulen und
Realschulen verbessert werden. Dies ist als Schritt in die richtige
Richtung zu begrüßen. Er genügt aber nicht. Um
ländliche und demografisch rückläufige Haupt- und
Realschulstandorte zu sichern, ist die Möglichkeit der vollen
Integration zwingend notwendig.
In
vielen Kommunen werden aber auch integrierte Haupt- und Realschulen
nicht ausreichend sein, um aus dem Dilemma von sinkenden
Schülerzahlen und verändertem Schulformwahlverhalten heraus
zu kommen. Wenn immer mehr Eltern für ihre Kinder einerseits eine
realistische Perspektive für einen hochwertigen Schulabschluss
wünschen, andererseits aber das Gymnasium nicht die passende
Schulform ist, dann kann die Gesamtschule möglicherweise die
richtige Antwort sein und zwar auch für Schulstandorte, die eine
Fünfzügigkeit nicht hergeben.
Die
Gesamtschule kann die richtige Antwort sein
Niedersachsen
ist ein Flächenland mit großer regionaler Vielfalt. Was in
der Stadt Hannover richtig ist, muss in Südoldenburg nicht ebenso
richtig sein. Was im Emsland funktioniert, funktioniert nicht unbedingt
auch im Harz. Wenn in Teilen des Landes Hauptschulen (noch) erfolgreich
arbeiten können, warum soll es sie nicht weiter geben? Wenn in
anderen Regionen weder Hauptschulen noch Realschulen breite Zustimmung
erfahren, warum sollen nicht Gesamtschulen an ihre Stelle treten
können?
Niemand
weiß besser als die kommunalen Schulträger, welches
schulische Angebot eine Region, ein Landkreis, eine Stadt
benötigt, abgestimmt auf die Bildungsbedürfnisse der Familien
und abgestimmt auf den Qualifikationsbedarf der regionalen Wirtschaft.
Niemand ist zu Vor-Ort-Entscheidungen besser demokratisch legitimiert,
als die gewählten Räte und Kreistage. Deshalb fordert der
Niedersächsische Landkreistag als der Spitzenverband der
Landkreise, die Träger der Mehrzahl der weiterführenden
Schulen sind, parteiübergreifend durch einstimmige
Gremienbeschlüsse:
- die volle Integration von Haupt- und
Realschulen zu ermöglichen
- auch vierzügige Gesamtschulen zu
genehmigen,
- insgesamt mehr Handlungsspielräume
für die Kommunen zuzulassen.
Den
30jährigen Bildungskrieg beenden
Die
Landesregierung hat in den letzten Jahren häufig Mut bewiesen,
Entscheidungen auf die Kommunen zu übertragen und damit z.B. bei
der Umsetzung des Konjunkturpaketes oder in der Arbeitsmarktpolitik mit
den kommunalen Jobcentern bemerkenswerte Erfolge erreicht. Warum sie
sich ausgerechnet in der Schulpolitik, über deren Erfolg letztlich
die Akteure vor Ort entscheiden, so schwer damit tut, ist kaum zu
erklären.
Die
mit fast konfessioneller Inbrunst betriebene Auseinandersetzung
über ein integratives oder gegliedertes Schulsystem interessiert
außerhalb der ideologischen Schützengräben nur noch
wenige, der Landkreistag beteiligt sich jedenfalls an dieser Diskussion
nicht. Der 30jährige Bildungskrieg sollte unter dem
ökonomischen, fiskalischen und demografischen
Veränderungsdruck schnellstmöglich beendet werden und einem
allgemeinen Schulfrieden Platz machen, der die Verantwortlichen vor Ort
über die zu ihrer Region passende Schulstruktur entscheiden
lässt.
Noch
zögert die Landesregierung die erforderlichen Konsequenzen aus dem
gesellschaftlichen Wandel zu ziehen. Noch glaubt man, der Staat
könne die Schulstruktur bis in jeden Landkreis und jede Gemeinde
hin steuern. Noch.
(Quelle:
Vorabdruck aus
EuW 04/ 2010: Landkreistag fordert mehr Handlungsspielraum)
Zur Person:
Bernhard
Reuter (55), Diplom-Jurist, war nach Studium der Rechts- und
Sozialwissenschaften sowie der Pädagogik an der Universität
Göttingen Lehrer und Schulleiter, bevor er 1999 zum hauptamtlichen
Landrat des Landkreises Osterode am Harz gewählt wurde. Reuter ist zudem
Vorsitzender des Niedersächsischen Landkreistages und
Vizepräsident des Deutschen Landkreistages.
3. Hochbegabtenförderung
in Niedersachsen und in der Grafschaft Bentheim
Im
Niedersächsischen Schulgesetz wird u. a. die Förderung
für
hoch begabte Schülerinnen und Schüler besonders
herausgestellt (§ 54 Abs. 1), denn junge Menschen unterscheiden
sich in ihren Begabungen und Fähigkeiten, in ihren Interessen
und Neigungen. Der beste Bildungsweg für jede Schülerin und
jeden Schüler ist daher derjenige, der die spezifische
Leistungsfähigkeit optimal zur Entfaltung bringt.
Die
schulische Begabungsförderung wird seit Jahren stufenweise an
bestimmten Standorten in Niedersachsen intensiviert und ein nahezu
flächendeckendes Schulangebot für Schülerinnen und
Schüler mit besonderen Begabungen aufgebaut. Schulen
schließen
sich dabei regional und schullaufbahnbezogen zu
Kooperationsverbünden
zusammen. Dabei stellen Grundschulen und weiterführende Schulen
durch gemeinsame Konzepte sicher, dass besondere Begabungen früh-
und rechtzeitig erkannt, anerkannt und verstanden, individuell
gefördert und umfassend integriert werden.
Insgesamt gibt es damit
im
Schuljahr 2010/11 an 87 Standorten Kooperationsverbünde mit 484
Schulen und 108 Kindertagesstätten in 37 Verbünden. Das
landesweite Netz umfasst insgesamt 355 Grundschulen, zwei
Förderschulen, fünf Hauptschulen, 16 Realschulen, 6
Integrierte Gesamtschulen, neun Kooperative Gesamtschulen, 91
Gymnasien und 108 Kindertageseinrichtungen.
Der
Besuch einer Schule des Kooperationsverbundes
Hochbegabungsförderung
ist auch über Schulbezirksgrenzen hinaus möglich. Das Land
unterstützt die beteiligten Schulen durch zusätzliche
Lehrerstunden; für Koordinierungs- und Entwicklungsaufgaben im
Verbund werden in einer einjährigen Startphase
Anrechnungsstunden gewährt.
Der
Aufbau und die Entwicklung von Kooperationsverbünden der Schulen
im Sinne einer Vernetzung werden durch das Beratungs- und
Fortbildungsangebot der Landesschulbehörde und des
Niedersächsischen Landesamtes für Lehrerbildung und
Schulentwicklung (NiLS) unterstützt. Dabei sollen die
schulinternen, kollegialen Beratungs- und
Unterstützungskräfte
gestärkt und Beratungs- und Fortbildungsangebote für
Schulen so konzipiert und bereit gestellt werden, dass sie flexibel
abrufbar sind. Durch die Einbeziehung außerschulischer Anbieter
sowie die Zusammenarbeit mit Elterninitiativen und Verbänden
sollen Vielfalt und Professionalität sichergestellt werden.
In der Grafschaft
Bentheim bestehen
drei Kooperationsverbünde Hochbegabtenförderung:
Nordhorn 1:
SchulKiGa der
Waldschule Nordhorn, GS Blumensiedlung Nordhorn, GS Waldschule
Nordhorn, GY Nordhorn
Nordhorn 2:
KiGa
Kirchstraße Bad Bentheim, KiGa Regenbogen Gildehaus,
Städt. Kindergarten Schüttorf, GS Auf dem Süsteresch
Schüttorf, GS Bad Bentheim, GHS Gildehaus, GY Burg Bad Bentheim
Nordhorn
3: Ev.-luth.
KiGa Prinzenstraße Neuenhaus, GS Neuenhaus, GS
Carl-van-der-Linde-Schule Veldhausen,
GY
Lise-Meitner Neuenhaus/Uelsen
Quelle:
Schulverwaltungsblatt 8/2010, Seite 276
3.
Abi-Quoten in
Niedersachsen (Schuljahr 2008/09)
Auf dem Lande machen in Niedersachsen
deutlich weniger
Jugendliche ihr Abitur als in der Stadt. Das zeigen die Daten, die
die Landesregierung auf die Anfrage der SPD-Fraktion im Landtag ("Wie
stellt sich die Abiturquote im Flächenland Niedersachsen dar?) zr
Verfügung gestellt hat. Die Zahlen beziehen sich auf die
Absoventen mit allgemeiner Hochschulreife am Ende des Schuljahres
2008/09.
Im Landesdurchschnitt
machen die Abiturienten 29,4 % eines
Schülerjahrgangs aus. Die Abiturquote in den Städten
Braunschweig (47,0 %), Osnabrück (49,6 %), Wolfsburg (44,2 %),
Hannover (38,8 %) oder Emden (37,2 %) liegt deutlich über dem
Landesdurchschnitt. In den eher ländlichen Regionen fällt
demgegenüber die Quote erheblich ab. Der Landkreis Peine mit 17,8
% oder der Landkreis Osnabrück mit 14,7 % liegen weit unter dem
Durchschnitt. Stadt (52,7 %) und Landkreis Oldenburg (13,2 %),
Spitzenreiter und Schlusslicht in der Rangliste der Abi-Quote, sind
anders zu betrachten, da ein Landkreis-Gymnasium innerhalb der
Stadtgrenzen liegt.
Der Landkreis
Grafschaft
Bentheim liegt bei 23,6 %, der Landkreis
Emsland
bei 26,9 % .
Die Ergebnisse im einzelnen:
Nr.
|
Landkreis/kreisfreie
Stadt
|
Summe
|
Abiturquote
|
1.
|
Braunschweig
|
1.307
|
47,0
|
2.
|
Delmenhorst
|
328
|
36,6
|
3.
|
Emden
|
235
|
37,2
|
4.
|
Hannover Stadt
|
1.980
|
38,3
|
5.
|
Landkreis
Ammerland
|
294
|
21,1
|
6.
|
Landkreis
Aurich
|
587
|
24,2
|
7.
|
Landkreis
Celle
|
546
|
24,6
|
8.
|
Landkreis
Cloppenburg
|
580
|
25,7
|
9.
|
Landkreis
Cuxhaven
|
476
|
21,1
|
10.
|
Landkreis
Dannenberg
|
168
|
29,4
|
11.
|
Landkreis
Diepholz
|
675
|
27,0
|
12.
|
Landkreis
Emsland
|
1.158
|
26,9
|
13.
|
Landkreis
Friesland
|
274
|
22,7
|
14.
|
Landkreis
Gifhorn
|
484
|
21,1
|
15.
|
Landkreis
Goslar
|
403
|
25,5
|
16.
|
Landkreis
Göttingen
|
1.141
|
35,1
|
17.
|
Landkreis
Grafschaft Bentheim
|
428
|
23,6
|
18.
|
Landkreis
Hameln
|
582
|
31,4
|
19.
|
Landkreis
Harburg
|
835
|
31,8
|
20.
|
Landkreis
Helmstedt
|
249
|
21,8
|
21.
|
Landkreis
Hildesheim
|
1.212
|
35,7
|
22.
|
Landkreis
Holzminden
|
196
|
22,4
|
23.
|
Landkreis Leer
|
443
|
20,9
|
24.
|
Landkreis
Lüneburg
|
710
|
34,8
|
25.
|
Landkreis
Nienburg
|
356
|
22,5
|
26.
|
Landkreis
Nordheim
|
590
|
34,7
|
27.
|
Landkreis
Oldenburg
|
199
|
13,2
|
28.
|
Landkreis
Osnabrück
|
696
|
14,7
|
29.
|
Landkreis
Osterholz
|
434
|
33,9
|
30.
|
Landkreis
Osterode
|
244
|
28,8
|
31.
|
Landkreis
Peine
|
273
|
17,8
|
32.
|
Landkreis
Rotenburg (Wümme)
|
595
|
28,1
|
33.
|
Landkreis
Schaumburg
|
642
|
35,0
|
34.
|
Landkreis
Soltau-Fallingbostel
|
473
|
27,2
|
35.
|
Landkreis
Stade
|
673
|
28,3
|
36.
|
Landkreis
Uelzen
|
318
|
29,4
|
37.
|
Landkreis
Vechta
|
612
|
33,0
|
38.
|
Landkreis
Verden
|
482
|
29,6
|
39.
|
Landkreis
Wesermarsch
|
332
|
28,8
|
40.
|
Landkreis
Wittmund
|
165
|
23,8
|
41.
|
Landkreis
Wolfenbüttel
|
310
|
22,5
|
42.
|
Oldenburg
|
971
|
52,7
|
43.
|
Osnabrück
|
939
|
49,6
|
44.
|
Region
Hannover (ohne Stadt H.)
|
2.076
|
30,2
|
45.
|
Salzgitter
|
282
|
22,4
|
46.
|
Wilhelmshaven
|
299
|
30,9
|
47.
|
Wolfsburg
|
613
|
44,2
|
|
Land
Niedersachsen
|
27.878
|
29,4
|
|